• Sonntag, 23.04.2017
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GENERATIONEN

Die Generation Kopf unten.

Leben die Digital Natives gefährlich?
Von Tatiana Sfedu
Die Generation Kopf unten - Leben die Digital Natives gefährlich?
© en.wikipedia.org

Bodenampeln für die Generation Kopf unten

Unlängst ging eine Mitteilung durch die Presse, die in den Boden eingelassene LED-Lichtleisten zum Thema hatte. Sie wurden als Pilotprojekt in Augsburg für die Generation Kopf unten installiert. Auch wenn sich bei dieser Bezeichnung die Vorstellung von Zombies aufdrängt, die tumb durch die Strassen wanken und ihren Kopf nicht auf den Schultern, sondern unter dem Arm tragen, so handelt es sich insbesondere um Jugendliche, die zwischen 1995 und 2005 geboren wurden. Ihr Erkennungsmerkmal ist das Smartphone, auf das mit gesenktem Haupt gestarrt wird, während der User sogar im Gehen mit beiden Daumen darauf herumtippt. Häufig auch stecken Stöpsel in ihren Ohren, um Musik über dieses handliche digitale Medium zu hören. Diese Smombies (eine Kombination aus Smartphone und Zombie), wie sich die jungen Menschen selbst ironisierend bezeichnen, verursachen immer wieder schwere Verkehrsunfälle. Dabei sind jedoch auch ältere Semester nicht davor gefeit, auf dem Weg von A nach B noch schnell eine SMS zu „daddeln“.

Untersuchungen der DEKRA in sechs europäischen Grossstädten haben ergeben, dass von 14’000 Passanten fast 8 % beim Überqueren der Fahrbahn in ihr Handy tippten.
Untersuchungen der DEKRA in sechs europäischen Grossstädten haben ergeben, dass von 14’000 Passanten fast 8 % beim Überqueren der Fahrbahn in ihr Handy tippten, wobei die Altersgruppe der 25 bis 35-Jährigen mit 22 % am stärksten vertreten war. In Köln gibt es daher im Rahmen eines Pilotprojekts bereits seit zwei Jahren „Bodenampeln“. Hintergrund für ihre Einführung war eine Reihe tödlicher Unfälle - insbesondere an Strassenbahnübergängen.

Da seit 2010 eine Häufung zu verzeichnen war, schloss man daraus auf eine gesteigerte Unaufmerksamkeit, hervorgerufen durch die Nutzung des Smartphones. Nun sollen die Ergebnisse ausgewertet werden, um zu ermessen, ob bei den Passanten ein Gewöhnungseffekt eintritt – oder ob die leuchtenden Signale zu Füssen der Menschen, die mit gesenktem Haupt durch das Leben gehen, ihre Wirkung zeigen. Auch in Augsburg haben sich die Verkehrsunfälle, in die Smartphone-Nutzer verwickelt waren, gehäuft. Die Verkehrsbetriebe erhoffen sich durch das Lichtleisten-Projekt mehr Sicherheit im Strassenverkehr.

Kritiker wenden sich gegen diesen Einsatz von Steuergeldern zum Schutz von Passanten, die aufgrund ihrer Mobiltelefon-Sucht nicht fähig sind, ihre Umgebung wahrzunehmen.

Wie gefährlich leben die Digital Natives tatsächlich?

Die aktuell erschienene Jugendstudie 2016 des Sinus-Instituts hat unter anderem ergeben, dass das Smartphone das wichtigste digitale Medium der Jugendlichen ist. Es bringe einige Vorteile mit sich, denn man sei immer auf dem neuesten Stand, und schnell könne jeder im Internet nachschauen, wann der Bus fährt oder ob ein guter Film im Kino läuft. Schüler könnten mithilfe von WhatsApp, Facebook und Co. mit ihren Mitschülern über die Hausaufgaben kommunizieren etc. Die Sorge, durch ein Telefonat zu stören, triebe viele Jugendliche um. Eine Textnachricht hingegen stelle jedem frei, wann er sie lesen möchte.

Die so genannten Digital Natives sind die erste Generation, die mit den digitalen Medien aufgewachsen ist. Der Vorteil des Smartphones hierbei ist seine „Alles-in-Einem“-Funktion. Es ist Infozentrale, Navi, Unterhaltungsmedium und – vor allem – Kommunikationsstandleitung zu den Freunden. Dies scheint der weitläufigen Meinung zu widersprechen, dass digitale Medien zu einer sozialen Verarmung führen. So fordert der junge britische Autor Gary Turk in einem 2014 auf YouTube veröffentlichten Video: „Look Up“ - schau hoch! „Ich habe 422 Freunde. Trotzdem bin ich einsam“. Die Betrachter dieses Beitrags müssen jedoch den Kopf senken, um ihn im Netz zu verfolgen. Prompt erschien daraufhin eine Parodie, in der der Protagonist rät: „Look down“ – schaut hinunter auf Eure Phones, wählt den einfachen Weg.“

Allenthalben sind Artikel und Studien zu lesen, die sich mit der sozialen Abkapselung der head-down generation, der Begriff wurde zunächst in Grossbritannien verwendet, befassen. Da werden Jugendliche beschrieben, die sich weltabgewandt „einrollen“, mit Hunderten von jungen Menschen kommunizieren, jedoch niemanden davon wirklich kennen. Selbst während der realen Kommunikation mit anderen lenkten sie unermüdlich ihren Blick auf das Smartphone.
Head-Down Generation
Die „Head-Down”-Generation.

Auswirkungen

Ganz zu Schweigen von den negativen körperlichen Folgen des ewigen nach unten Starrens. Es drohten Rückenschmerzen und Haltungsschäden, da sich das Gewicht des Kopfes bei Neigung gravierend vervielfachte. Im selben Atemzug werden Ratschläge zur Schadensbegrenzung gegeben, wie das Smartphone höher zu halten, Pausen einzulegen und Entspannungs- sowie Haltungsübungen zu machen. Es stellt sich hierbei die Frage, ob jemand, der immer schon gern und häufig Bücher gelesen hat, also bevor das digitale Zeitalter angebrochen ist, das nicht auch mit gesenktem Blick, gemütlich eingerollt in einer Sofaecke getan hat?

Ist die Entwicklung der Generation Kopf unten tatsächlich besorgniserregend? Es wird von Medienabhängigkeit gesprochen und von einer Verdummung, da der Informationsüberfluss sich negativ auf das Kurzzeitgedächtnis auswirke. War das Leben der Kinder und Teenager der Generationen X oder der Babyboomer tatsächlich gesünder? Tobte wirklich jeder in den Wäldern herum, oder gab es nicht genauso viele Kinder, die sich mit ihrem Buch zurückzogen oder mit ihrer Carrera-Bahn spielten? Man könnte ebenso dagegen halten, dass die heutige junge Generation die Möglichkeit hat, auf einfache Weise schnell und effektiv Informationen zu erhalten, die vielleicht auch weiterbilden können.

Skepsis gegenüber dem Neuen?

Neue Technologien und Medien haben immer schon Argwohn hervorgerufen. Vom Fernsehen drohte der Betrachter viereckige Augen zu bekommen, der Videorekorder barg die Gefahr, dass man in seiner Freizeit nur noch Filme schaute, und der Walkman machte taub und lenkte von der Umwelt ab. Bereits im 17. Jahrhundert wetterte man gegen die „Zeitungssucht“ und mit der Verbreitung des Fernmelders gegen die „Telefonitis“. Spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem eine Technologie in die Mitte der Gesellschaft hineinreicht, spricht jedoch niemand mehr darüber.
Evolutionäre Degeneration vor dem Smartphone.
Evolutionäre Degeneration vor dem Smartphone.

Die Trendwende

Das Smartphone revolutioniert Gesellschaft und Alltag, degradiert Armbanduhren zu Modeaccessoires und fördert das Aussterben von Papierkalendern und Stadtplänen. Althergebrachtes hat ausgedient. In der Kunst befasst man sich bereits mit diesem Phänomen und stellt den Hipster, der sich eine Welt ohne Smartphone nicht vorstellen kann, dem Hamster gegenüber, an dem die Mobilfunkstrahlung getestet wurde.

Interessanterweise hat die Sinus-Studie, die das Ergebnis unzähliger Interviews ist, ergeben, dass den Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren durchaus bewusst sei, dass sie medial umfassend ausgestattet seien. Ganz deutlich würde ein Sättigungseffekt. Die zentrale Funktion digitaler Medien sei die Pflege und Aufrechterhaltung von Freundschaften. Durch WhatsApp und Co. sei es möglich, sich auch mit jenen regelmässig auszutauschen, die nicht in der Nähe wohnten. Dass Jugendliche ganze Nächte allein im Zimmer mit Computerspielen verbrächten, sei offenbar nur eine Facette intensiver Mediennutzung bzw. ein Klischee. Gewachsen sei hingegen die Angst, etwas zu verpassen, weshalb man in permanenter Kommunikationsbereitschaft bliebe. Für heutige Jugendliche sei das Internet praktisch und die einfachste Lösung für Fragen und Probleme im Alltag.

Analoge Sehnsucht

Dennoch, erstmalig zeigten sich negative Aspekte der unbegrenzten mobilen Verfügbarkeit. Permanentes Getippe in einer Gruppe gelte bei manchen Jugendlichen mittlerweile als „uncool“. Es gelte als Kompetenz und Distinktionsmerkmal, Geräte auch einmal ausschalten zu können. Immer mehr Jugendliche möchten sich deutlich von den „Süchtigen“ abgrenzen. Erstaunlicherweise zeige sich selbst bei Teenagern eine gewisse anti-digitale Sozialromantik bzw. eine „analoge Sehnsucht“: Der weniger digitalisierte Alltag „von früher“ werde vermisst und die digitale Ausstattung von Kleinkindern besonders kritisch betrachtet. Nach Ansicht des Jugendkulturforschers Philipp Ikrath formiere sich sogar eine "Avantgarde von digitalen Aussteigern". In den Mittelpunkt dieser Gegenbewegung rücke alles Analoge wie das Treffen mit Freunden, Naturerlebnisse, Handwerkerarbeiten und Kochen. Zu denken gibt, dass der Hintergrund für diesen Umschwung negative Erfahrungen mit den Eltern seien, die selbst ständig mit Laptop, Tablet und Smartphone zugange seien und dadurch nur wenig Zeit für ihre Kinder hätten.


Literaturhinweise:
  • I. Borchard, S. Borgstedt, M. Calmbach, B. Flaig, P. M. Thomas (Hg.), Wie ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, Wiesbaden 2016, S. 171-219. [SINUS-Jugendstudie]
  • dpa, Von wegen "Generation Kopf unten", auf www.tagblatt.de vom 13.09.2015.
  • Erhebung der DEKRA Unfallforschung in sechs europäischen Hauptstädten. Fussgänger beim Überqueren der Strasse: Riskante Ablenkung durch Smartphones, auf www.dekra.de April 2016.
  • Anna Gabriel, Die Unfälle der Generation „Kopf unten“, auf www.diepresse.com vom 8.4.2016.
  • Jens Meifert, Gefahr Smartphone, in Köln Leuchtleisten für die „Generation Kopf unten“, auf http://www.rundschau-online.de vom 22.4.2016.
  • Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt: Hamster - Hipster - Handy. Im Bann des Mobiltelefons. Ausstellung vom 25.4 - 5.7.2015.
  • Daniel Schulz, Gesenkter Blick: Smartphones sorgen für Haltungsschäden und Rückenschmerzen, auf www.trendsderzukunft.de vom 24.11.2014.
  • Wir verdummen! Warum moderne Technologien unserem Gedächtnis schaden, auf www.huffingtonpost.de vom 17.12.2013.


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