• Dienstag, 26.09.2017
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FINANZPLATZ

Die Fragen aller Fragen

Von Willy Burgermeister  
  Die Fragen aller Fragen
Fotoquelle: dokus4.me
Verrücke nicht die alte Grenze, die deine Väter gemacht haben! (Sprüche 22, 28.) Doch genau dies tun die führenden Notenbanken.


Mit dem Gift weiterer Zentralbankmilliarden gaukeln sie Märkten und Staaten vor, alle kniffligen Knackpunkte werden sich – wie von Zauberhand - irgendwie verflüchtigen. Eine fatale Illusion! Den politischen Wunschvorstellungen schon fast hörig, laufen unsere Währungshüter Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit zu verlieren. Ihre laxe Geldpolitik trieb einen wuchtigen Keil zwischen Börsenbewertung und wirtschaftlichen Gegebenheiten. Von 2008 bis Anfang Mai 2013 legten die Kurse von Aktien, Anleihen und anderen Wertpapieren rund 40 % zu, während die weltweite Wirtschaftsleistung um nur etwa 20 % stieg.

Künstlich tiefe Zinsen verführen zu krassen Fehleinschätzungen der Anlage- und Kreditrisiken. Strukturreformen werden auf die lange Bank geschoben, der Schuldenabbau verschleppt, ja sogar Anreize geschaffen, sich noch mehr zu verschulden. Es kostet ja nichts! Die Lasten bürden wir, ohne mit der Wimper zu zucken, den nächsten Generationen auf.

Wo bleibt die viel beschworene Generationengerechtigkeit? Wir hinterlassen unseren Kindern und Kindeskindern eine ärmere Welt – eine beschämende Sachlage. Um die Geldwertstabilität kümmert sich offenbar auch niemand mehr. Wenn in einer endlichen Welt hemmungslos Geld aus dem Nichts geschöpft wird, schürt man Inflation und eine Gesellschaft, die nach der Devise „nach uns die Sintflut“ fuhrwerkt, und sie droht früher oder später an der Realität zu zerschellen.

Marktübliche Zinsen

Niemand schert sich um die Frage aller Fragen: Werden es die verantwortlichen Geldpolitiker schaffen, je wieder zu „marktüblichen“ Zinsen und Geldmengen zurückzufinden, ohne Banken und Staaten an den Rand des finanziellen Ruins zu drängen? Wenn wir dem Philosophen Hermann Lübbe glauben, dass die Menschen von allem genug kriegen, nur von einem nicht – vom Geld, dann regen sich berechtigte Zweifel.

Mit noch mehr billigem Geld soll die Gesellschaft aus ihrem Schuldenmorast gerettet werden. Wir werden an den Lügenbaron Münchhausen erinnert, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog. Überall buhlen Finanzpolitiker als wunderliche Geschichtenerzähler um die Gunst der Wähler. Wachstum auf Pump, so lautet ihr Rezept – ein scheinbar schmerzloser Pfad aus der Misere. Eine langfristig erfolgreiche Wirtschaftspolitik sieht anders aus. Die hohe Kunst liegt doch darin, Schulden abzubauen, ohne die Wachstumskräfte zu erdrosseln.


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Plausibles Wachstumsmodell

Beim Gedanken, die Notenbanken könnten in den kommenden Wochen und Monaten etwas weniger Liquidität in die Märkte pumpen, brachen viele Marktteilnehmer vor einigen Wochen in Panik aus. Rund um den Globus verkauften sie Obligationen, Aktien, Rohstoffe und Edelmetalle. Zentralbanken können auf Dauer keine Stabilität herbeizaubern. Sie kaufen Zeit, die Weichen in die Zukunft aber muss die Politik stellen. Noch immer fehlt ein gangbares, ökonomisches Wachstumsmodell, verbunden mit einer klaren politischen Zielvorgabe, auf deren Grundlage langfristig denkende Investoren ihre Anlageentscheidungen treffen können. Weigert sich die Politik, diese Herausforderungen anzupacken, wird ihr der globale Kapitalmarkt schmerzliche Lösungen aufzwingen.

Trotz überall lauernder Stolpersteine im Bankensektor und in den öffentlichen Haushalten dürfte der Geldhahn der massgebenden Notenbanken wohl noch nicht entscheidend zugedreht werden. Wir tummeln uns immer noch in einer Welt verzerrter Preise, in einem bedenklichen Umfeld des Aussitzens und Durchwurstelns. Unser Gesundheitswesen, der soziale Ausgleich, unsere Alterssicherung, der Arbeitsmarkt, unsere Unternehmen und, nicht zu vergessen, die öffentlichen Finanzen, sie alle begehren dringend nachhaltiges, solides Wirtschaftswachstum, das, trotz wilder Geldschwemme, nirgends richtig in die Gänge kommen will. Versagt die Geldpolitik? Sie beruhigt zwar die Nerven der Kapitalanleger, doch in der Realwirtschaft scheint sie wirkungslos zu verpuffen. Die weltweite Konjunktur schleppt sich mehr schlecht denn recht dahin, und in den Schwellenländern bröckelt das Wachstum.

Nichts beherrscht das weltumspannende Geschehen so sehr wie die Geldpolitik, doch die Magier sind überfordert. Der Amerikaner Stephen Cecchetti, scheidender Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), zog kürzlich eine Bilanz seiner Erfahrungen aus den vergangenen Krisenjahren: Geldpolitiker sollten das Aufschiessen von Geld- und Kreditmengen schärfer beobachten; sie müssten sich hüten, in den Sog von Regierungen und Geschäftsbanken zu rutschen; sie müssten über den nationalen Gartenzaun hinausschauen und auf internationale Folgen ihrer Politik achten, und schliesslich sollten Geldpolitiker nicht zu sehr der Rationalität der verschieden handelnden Finanzmarktteilnehmer vertrauen. All das klingt nachvollziehbar, logisch und richtig. Nur werden diese Erkenntnisse mehr und mehr verdrängt und abgelegt.

Nicht genug damit. Alan Greenspan, der ehemalige Vorsitzende der amerikanischen Zentralbank (Fed), schrieb 1966 in einem Aufsatz: „Die Finanzpolitik des Wohlfahrtsstaates macht es erforderlich, dass es für Vermögensbesitzer keine Möglichkeit gibt, sich zu schützen.“ Gleiten wir widerstandslos in diese Situation?
       
 
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