• Dienstag, 27.06.2017
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PERSPEKTIVEN

Die europäische Idee verlangt eine neue Rechtsordnung

Von Helmut Bachmaier  
   
   
 
Die Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse lässt die Europa-Idee auf eine Währung schrumpfen und den ganzen Kontinent zu einem Tummelplatz von Händlern aller Art verflachen.


Als einst sich Zeus in einen zahmen Stier verwandelte, um das Mädchen Europa zu rauben, konnte man noch nicht ahnen, dass mit dem Namen dieser jungen Dame einmal ein Kontinent bezeichnet und ein bedeutendes Kapitel der Ideengeschichte überschrieben werden sollte.

© Wikipedia
Zeus, der ausschweifende Göttervater, hatte sich unter die am Meeresstrand in Phönizien spielenden Mädchen gemischt und die Erwählte nach Kreta entführt. Aus ihrem Verhältnis entsprossen drei Söhne. Einer davon war Minos, der zunächst wegen seiner gerechten Gesetzgebung und Herrschaft als König von Kreta zu Ehren kam. Später galt er als Feind Athens und als schlechter König, weil er ein Versprechen gegenüber den Göttern gebrochen hatte. Aus der seltsamen Neigung seiner Gattin zu einem Stier ging der Minotauros hervor: halb Mensch-, halb Tiergestalt. Minos liess das Ungeheuer in das Labyrinth sperren und warf ihm Menschen zum Frass vor.

Verehrung und Verwandlung, Zähmung und Raub, Gerechtigkeit und Gewalt legt diese mythologische Geschichte so auseinander, als seien damit bereits die wesentlichen Elemente der Geschichte des europäischen Kontinents erzählt.

Europa und Europäer

Der Name „Europa“ tauchte erstmals in einem Götterhymnus des 7. vorchristlichen Jahrhunderts auf, und der Historiker Herodot (ca. 484 - 424 v. Chr.), der "Vater der Geschichtsschreibung" (Cicero), sprach zuerst von "Europäern", wobei er besonders auf die Zweiteilung der Welt in Asien und Europa abhob (Afrika wird bei ihm aber ebenfalls erwähnt). In der biblischen Tradition wurden dann die drei Söhne Noahs identifiziert mit den damals bekannten drei Kontinenten. Europa als kulturelle und politische Idee entwickelte sich aus Vorstellungen der griechisch-römischen Antike sowie aus christianischen Universalansprüchen.

In einem Reich vereinigt

Der Latinist Manfred Fuhrmann („Europa - zur Geschichte einer kulturellen und politischen Idee") hat die beiden Ausprägungen der Europa-Idee rekonstruiert: Die "monistische" Europa-Idee herrschte in der Zeit der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen vor, wobei darunter die Vielfalt der Völker als kulturelle und religiöse Einheit, übernational in einem Reich zusammengefasst, begriffen worden ist. Ab dem 17. Jahrhundert entwickelte sich dann die "pluralistische" Europa-Idee, die ein System von souveränen Nationalstaaten mit gemeinsamer christlicher Kultur umfasst und die im Friedensgebot und in der Gleichgewichtspolitik ihre praktische Gestalt erhalten hat.

Eine Christenheit in vielen Staaten

Der Übergang zur "pluralistischen" Europa-Idee vollzog sich in einem langwierigen Prozess, der sich in verschiedenen Ereignissen focussierte: der Auflösung des karolingischen Reiches, im Kampf zwischen Papst- und Kaisertum um die Vorherrschaft, in der Türkenbedrohung und schliesslich durch die Festigung der Nationalstaaten.

© Wikipedia
Es waren aber erst die Reden und Schriften von Enea Silvio Piccolomini, dem nachmaligen Papst Pius II., die dem Europa-Gedanken kontinental zum Durchbruch verhalfen. Seine Vorstellung war die von einer Christenheit und Kultur, die sich in vielen Staaten, Völkern und Landschaften zeigen sollte. Europa bezeichnete er als unsere "Heimat", als unser "Haus". Die Christenheit war für ihn Europa, ein Gedanke, der noch für Novalis („Die Christenheit oder Europa“) verbindlich war. Die Rede vom "Europäischen Haus" geht also auf Enea zurück und ist keine Erfindung von Gorbatschow. Die staatsrechtliche Konkretisierung solcher Ideen erfolgte dann unter der historischen Konstellation der "Nation".

Humanitätsidee

Was bei dem bisherigen Überblick über die Formen der Europa-Idee zu kurz gekommen ist, nämlich ihr konkreter Inhalt, soll nun einlässlicher beschrieben werden.

Zum Bestand der europäischen Kultur gehört die Humanitätsidee. Diese hat ihren Ursprung in dem Apolloheiligtum zu Delphi (Wolfgang Schadewaldt: "Der Gott von Delphi und die Humanitätsidee“). Bekannt von diesem Heiligtum ist seine Inschrift: "Erkenne Dich selbst!". Der Mensch soll sich danach im Gegensatz zu den Göttern erkennen, nämlich als ein endliches, als ein begrenztes und unfertiges Wesen. Die Grenze zwischen Mensch und Gott wird durch die delphische Weisheit aufgezeigt und als Kernstück der Humanitätsidee proklamiert. Aus der Anerkennung der Grenze folgt auch die richtige ethische Einstellung: Der Mensch wird zu Demut und Bescheidenheit angehalten. Alle Arten von Selbstvergottung und narzisstischer Selbstbezogenheit sind frevelhaft.

Diese Theologie des Gottes und die daraus resultierenden moralischen Maximen lassen sich ohne weiteres auch auf Staatsgebilde übertragen: zu gross, zu mächtig, zu imperial, und sie brechen zusammen. Der Mass-Gedanke wird damit zu einem wesentlichen Inhalt der Humanitätsidee und der Staatssouveränität.

Die Nemesis straft Masslosigkeit

Der bereits erwähnte Historiker Herodot hat in der ethisch-narrativen Geschichtsschreibung seiner "Historien" vielfältige Belege für Frevel und Übermut in der Geschichte zusammengetragen, die stets in die Katastrophe führten (Kroisos- und Polykrates-Episode). Deshalb tritt bei ihm immer wieder die Gestalt des Warners auf, der vor Hybris und ihren Folgen bewahren möchte. Wird das geziemende Mass überschritten, dann erscheint die Göttin Nemesis auf der Szene, die als ausgleichende Gerechtigkeit die gesetzte und umgrenzte Ordnung wieder herstellt: Auf jede Grenzverletzung folgt unausweichlich die Strafe. Die Instabilität des menschlichen Glücks und der geschichtlichen Lagen führt Herodot auf das Wirken dieser Göttin, d.h. auf die ausgleichende Gerechtigkeit, zurück.

Bei Herodot finden wir noch eine andere zentrale Komponente der europäischen Kultur vorgebildet: die individuelle Freiheit. In seiner Schilderung der Kämpfe und Kriege zwischen Griechen und Persern, eine Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Tyrannei, lässt er Athen und seine Bürger als die Repräsentanten einer idealen, freien Bürgerschaft erscheinen. Das Zeitalter des Perikles stand ihm dabei vor Augen.

Die Gestalt des Philosophen Sokrates können wir als den Prototyp eines "mutigen Menschen", so wie ihn noch Friedrich Dürrenmatt angesichts einer grotesken Welt der Gegenwart gefordert hat, bezeichnen. Er folgte stets seiner inneren Stimme, seinem Daimon, und er gehorchte gleichwohl den Gesetzen, auch dann noch, wenn sie sich gegen ihn richteten. Sein überlegener, heiterer Tod galt zu allen Zeiten als Zeugnis für die Ruhe und Souveränität einer geistigen Existenz.

Mit einigem Recht kann der sokratische Dämon mit dem christlichen Gewissen gleichgesetzt werden. Damit kommt die Instanz in den Blick, die für den einzelnen zum Zensor seines Handelns wird. Die Entwicklung des Gewissens ist eine Leistung, die den moralischen Standard einer Kultur ausmacht. Darüber hinaus ist der Dämon oder das Gewissen das erste Anzeichen des Gleichheitsgedankens: Jede(r) hat einen solchen Dämon, ein solches Gewissen, damit sind in der moralischen Kompetenz potentiell alle Menschen gleich.

Westliche Kultur

Für den Historiker Heinrich August Winkler sind die Menschenwürde, die rechtsstaatliche Demokratie, die Geschichte der Gewaltenteilung, die Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt, Emanzipationsprojekte und Aufklärung Errungenschaften der westlichen Kultur, die aus dem lateinischen Europa hervorgegangen sind. Sein Hauptwerk „Geschichte des Westens“ ist eine umfassende (und unbedingt lesenswerte) Rekonstruktion der westlichen Kultur, die in der europäischen Idee einen historischen und kulturellen Grund hat. An Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ und an Schillers Freiheitsdichtung darf hier eigens erinnert werden.

Wissenschaftliche Zivilisation

Nach der Naturrechtsdiskussion wird spätestens seit dem 18. Jahrhundert neben der moralischen Subjektivität auch die Frage nach den Rechtsverhältnissen, in denen wir leben, verhandelt. Wie ist es möglich, so fragte beispielsweise der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, dass ich frei bin und mich zugleich durch das Recht eingeschränkt fühlen muss. Fichte war der Auffassung, dass das Recht, indem es aus freien Stücken, aus freier Überzeugung als Einschränkung, als Schranke meines Handeins, gesetzt wird, keine Beeinträchtigung der Freiheit darstellen kann: Ich gebe mir in Freiheit meine eigenen, mich bindenden Regeln.

Das bürgerliche Rechtssubjekt, das wesentlich den Begriff von Identität mitbestimmt, wird damals auch Gegenstand der Literatur: Bei Heinrich von Kleist drehen sich fast alle Stücke und Erzählungen um Rechtsverhandlungen, Richter und Täter, Verurteilungen und Freisprüche. Damit wird die Rechtskultur zu einem Thema, das bis in die Identitätsbildung hineinwirkt.

Die europäische Kultur wurde durchgehend beeinflusst durch die wissenschaftlich-technische Entwicklung und durch den Prozess der Zivilisation. Seit Prometheus das Feuer vom Himmel gestohlen und den Menschen geschenkt hat, wofür er grausam bestraft wurde, ist die Ambivalenz von Fortschritt und Zerstörung, die Spannung zwischen Freiheit und Verantwortung ein fester Bestandteil des europäischen Diskurses.

Die europäische Idee versammelt unter diesem Vorzeichen in gleicher Weise Wissenschaftsenthusiasmus, Entdeckerfreude oder Technikfieber wie Zivilisationsverachtung und Verweigerungshaltungen. Insbesondere scheint der Methodenzwang, der seit Bacon der Wissenschaft notwendig innewohnt, verpflichtend zu sein. Wie auch immer - im Verständnis von Technik und Wissenschaft entdecken wir stets ein Element der europäischen Kultur.

Europa hat als Kontinent zum letzten Mal durch die Französische Revolution und durch die Habsburger Monarchie Leitwerte und Ordnungsstrukturen erhalten, denen, so verschieden die Auswirkungen auch waren, ein umfassender Anspruch und eine mehr als nur temporäre Geltung zugesprochen worden ist.

   
  Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789.                © Wikipedia  

Was ist von all diesen Ideen, was ist von der europäischen Utopie in der Gegenwart noch übrig? Was hat noch Gültigkeit?

Europäische Rechtsordnung

Heute geht es angesichts der auseinanderdriftenden politischen Kräfte um die Idee einer europäischen Rechtsordnung, die den allgemeinen Rahmen für die verschiedenen Lebens- und Handlungsbereiche abgibt. Diese neue Ordnung, durch gemeinsames Recht geschaffen, ist ein grosses humanes und zivilisatorisches Ziel, das den konkreten Inhalt der europäischen Idee für die Zukunft bilden könnte.


Literatur
Heinrich August Winkler:
Geschichte des Westens. 2 Bde., Beck, München.
Bd. 1: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2009.
Bd. 2: Die Zeit der Weltkriege 1914–1945. 2011..
 
       
 
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