• Dienstag, 27.06.2017
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ALTERSTHEMEN

Die erste Alzheimer-Patientin

Untertitel
Von Helmut Bachmaier
Algorithmen oder die Berechenbarkeit des Menschen
©de.wikipedia.org
Die genauen Ursachen der Erkrankung von Auguste Deter (Bild), der ersten Alzheimer-Patientin, wurden nach über 100 Jahren geklärt.


Alois Alzheimer
Alois Alzheimer
Ende 1901 wurde die 51-jährige Auguste Deter in die Frankfurter Nervenklinik („Städtische Anstalt für Irre und Epileptische“, sog. „Irrenschloss“) eingeliefert, in der Alois Alzheimer (1864-1915) als Psychiater arbeitete. Die Patientin hatte sich innerhalb kurzer Zeit sehr verändert, konnte Alltagsdinge nicht mehr ordnen, fühlte sich verfolgt, versteckte alle möglichen Gegenstände, ängstigte sich grundlos, irrte plan- und ziellos herum: ein geistiger Verfall war überdeutlich geworden. Ihre Symptome glichen einer senilen Demenz, jedoch sprach ihr Alter gegen diese Diagnose. Deshalb wurde das – allerdings unzutreffende – Krankheitsbild einer „präsenilen“ Demenz konstruiert.

Nach ihrem Tod 1906 (Todesursache: Blutvergiftung, hervorgerufen durch einen Dekubitus) analysierte Alzheimer ihr Gehirn und entdeckte Eiweiss-Ablagerungen (Senile Plaques) und abgestorbene Nervenzellen in der gesamten Hirnrinde, die er für die Erkrankung verantwortlich machte. Damals war es unter Psychiatern üblich, gehirnanatomische, organische Ursachen für die Geisteskrankheiten zu suchen.

Senile Plaques
Senile Plaques
Alzheimers folgenreiche Erklärung: Eiweiss-Ablagerungen in der Hirnrinde verursachen den Tod von Nervenzellen und lassen die Hirnsubstanz schrumpfen. Er berichtete vor Kollegen über seinen Befund einer „Eigenartigen Erkrankung der Hirnrinde“. Diese Form neurodegenerativer Erkrankung wurde 1910 (in der 8. Auflage des Lehrbuchs der „Psychiatrie“ von Emil Kraepelin) mit seinem Namen verbunden: Morbus Alzheimer.

Die Gespräche mit seiner Patientin hatte Alzheimer akribisch protokolliert. 31 Seiten handschriftlicher Notizen halten seine Beobachtungen bzw. die Symptome fest. Die Krankenakte von Auguste Deter wurde 1996 im Archiv der psychiatrischen Klinik in Frankfurt a. M. wiedergefunden.


  Raum der Königlich Psychiatrischen Universitätsklinik in München, in dem Alzheimer das Gehirn der Auguste Deter untersuchte.  
  Raum der Königlich Psychiatrischen Universitätsklinik in München,
in dem Alzheimer das Gehirn der Auguste Deter untersuchte.
 


Protokoll einer Krankheit

Das Gespräch zwischen Alzheimer und seiner Patientin ist ein aufschlussreiches und berühmt gewordenes Dokument der Medizingeschichte. Aus dem Protokoll des Aufnahmegesprächs: (Quelle: Wikipedia und Konrad Maurer, siehe Literaturhinweis am Schluss)

„Wie heissen Sie?“
„Auguste.“
„Familienname?“
„Auguste.“
„Wie heisst ihr Mann?“ - Auguste Deter zögert, antwortet schliesslich:
„Ich glaube... Auguste.“
„Ihr Mann?“
„Ach so.“
„Wie alt sind Sie?“
„51.“
„Wo wohnen Sie?“
„Ach, Sie waren doch schon bei uns.“
„Sind Sie verheiratet?“
„Ach, ich bin doch so verwirrt.“
„Wo sind Sie hier?“
„Hier und überall, hier und jetzt, Sie dürfen mir nichts übel nehmen.“
„Wo sind Sie hier?“
„Da werden wir noch wohnen.“
„Wo ist Ihr Bett?“
„Wo soll es sein?“
 
Zu Mittag isst Frau Auguste D. Schweinefleisch mit Karfiol/Blumenkohl:

„Was essen Sie?“
„Spinat.“ (Sie kaut das Fleisch)
„Was essen Sie jetzt?“
„Ich esse erst Kartoffeln und dann Kren.“
„Schreiben Sie eine fünf.“
Sie schreibt: „Eine Frau“
„Schreiben Sie eine Acht.“
Sie schreibt: „Auguste“.
 

Die Krankheit des Vergessens

Verlorene Raum- und Zeitorientierung, grosse Erinnerungslücken, zusammenhangslose Reden, rascher Stimmungswechsel zwischen Angst, Misstrauen oder Jammern, dann anfallartiges Schreien boten ein Bild einer schweren geistigen Verwirrung. „Ihre Merkfähigkeit ist aufs Schwerste gestört“, notierte Alzheimer in der Krankengeschichte. Er gab diesem Befund dann den Namen: „Krankheit des Vergessens“. Dabei muss sich die Patientin zu Zeiten ihrer Lage durchaus bewusst gewesen sein, wenn sie mehrfach in einem Interview feststellt: „Ich habe mich sozusagen selbst verloren.“


 
 
Aus dem Rampenlicht ins Vergessen
Prominente Alzheimer-Kranke
Aus dem Rampenlicht ins Vergessen - Prominente Alzheimer-Kranke
 
 

Ursache: Gen-Mutation

Wissenschaftler des Instituts für Humangenetik der Justus-Liebig Universität Giessen und des Hirnforschungsinstituts der Universität Sydney haben den Fall der ersten Alzheimer-Patientin weiter geklärt. Bei der Isolation des Erbgutes aus den früheren, von Alzheimer vorgenommenen Hirnschnitten stiessen sie auf eine Gen-Mutation, die zum Morbus Alzheimer führen kann.

Da es zu Alzheimers Zeit noch keine Gen-Analyse gab, konnte die Erkrankung der August Deter auch nicht auf molekularer Ebene analysiert werden. Die Frage war indessen oft aufgeworfen worden, ob dieser Fall nicht eine genetische Ursache habe.

Die Wissenschaftler der beiden Universitäten suchten in der DNA nach Mutationen. Und sie fanden eine Mutation beim Gen Präsenilin-1. Dadurch wird die Funktion eines Enzymkomplexes in Mitleidenschaft gezogen. Dies wiederum kann Ablagerungen, die für die Alzheimer-Erkrankung typisch sind, zur Folge haben. Damit wurde die eigentliche Ursache der Erkrankung der Auguste Deter nach über 100 Jahren hinreichend geklärt.


Literaturhinweis:

  • Konrad u. Ulrike Maurer: Alzheimer – Das Leben eines Arztes und die Karriere einer Krankheit. München 2000 (Piper Verlag).


Video zum Thema:



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