• Samstag, 18.11.2017
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FINANZPLATZ

Die Börse – wie eine betörende Frau?

Von Willy Burgermeister  
  Die Börse – wie eine betörende Frau?
Fotoquelle: Printscreen Parkettkamera der Deutschen Börse
Drei Dinge drängten den Menschen in die Nähe des Wahnsinns: die Liebe, die Eifersucht und das Studium der Börsenkurse.


John Maynard Keynes zu widersprechen, das fällt schwer. In meinem früheren Beitrag „Was heisst das jetzt für mich?“ stellte ich ein Portfolio zur Diskussion, das wenig – wenn überhaupt – Zukunftsoptimismus versprühte. Blenden wir zurück, dann narrten und blamierten mich die globalen Finanzmärkte bis auf die Knochen. Zeit, mich an ein Gleichnis zu erinnern, das mir vor vielen Jahren ein erfahrener Finanzmarktstratege zuflüsterte:

Die Börse, so erklärte er, ähnelt einer betörend schönen, begehrenswerten Frau. Sie offenbart sich nie, sie erscheint uns im Traum und entschwindet wieder. Der erste Flirt auf einige Meter Entfernung lässt uns auf Wolke 7 schweben, weckt Hoffnungen, Erwartungen und manchmal schiere Euphorie. Das geht eine Zeit lang ganz gut, solange die Kontakte lose sind und das Wunschbild die eigenen Vorstellungen widerspiegelt. Aber, wer wüsste es nicht, nach dem süssen „Honeymoon“ packt uns der graue Alltag...

Voller Widersprüche

Wir leben in einer Zeit entscheidender, aber unbeantworteter Fragen, suchen im reichen Geldsegen Erlösung für die schwächelnde Konjunktur. Die Mächtigen (USA) versuchen, die Kleinen (Schweiz) grob in die Knie zu zwingen. Widersprüchliches zeigt sich auch in den Schnüffeleien des amerikanischen Geheimdienstes, Peinliches und Skandalöses in den Telefonaten irischer Banker.

Datenschutz und Privatsphäre werden ausgehöhlt. Im aufbrandenden Bundestagswahlkampf in Deutschland wird die Eurokrise unter Verschluss gehalten. Und nichts stimmt mehr in einer Welt, die ihre Jugend vergisst. „Was ist morgen?“ Vor dieser Frage zucken wir zurück. Uns interessiert nur das Heute, das Jetzt.

Wünschbares statt Machbares

Bei allen Verheissungen, die die Finanzmärkte uns vorgaukeln, sollten wir kühlen Kopf bewahren und die Fehlentwicklungen nicht vergessen: Vor lauter Begeisterung für politisch Wünschbares verlieren wir das ökonomisch Machbare aus den Augen. Wir ringen mit unterschiedlich tickenden Notenbanken, die untereinander zusammenarbeiten – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Alle Länder, alle Akteure vernetzen sich, frönen aber trotzdem nur ihren nationalen Interessen. Im Krisengewitter der letzten Jahre schlafwandelt Europa in der Orientierungslosigkeit. Euro-Rettungspolitiker spannten ganz unverfroren die Notenbank ein, um Staaten und Banken aus dem Sumpf ziehen, obwohl der Europäischen Zentralbank (EZB) die monetäre Staatsfinanzierung ausdrücklich verboten ist. In Asien keimt die Angst vor einem erlahmenden Exportboom, während die Verschuldung der Privathaushalte eine neue Wirklichkeit enthüllt. Und die Zeichen der weltweiten Geldpolitik stehen weiter auf Inflation.

Die Teuerung – wenn sie denn anrollt – wird uns alle treffen, vor allem aber den „kleinen Sparer“, der sein Geld dem Sparbuch anvertraut und sich kaum Gedanken darüber macht, was eine Geldentwertung mit ihm und seinem Ersparten anstellt. Festgeld, Aktien, Obligationen, Gold, Rohstoffe, Immobilien – wo erspähen wir noch ausreichende Renditen, ohne ins unfassbare Risiko abzustürzen? Die Zinsen taugen als Krisenseismographen nicht mehr, weil sie von den führenden Notenbanken manipuliert werden. Und bin ich wirklich bereit, dem Staat mein Geld zu diesen mickrigen Zinsen zu leihen? Aktien im verrückten Höhenrausch, doch Einbahnstrassen gibt es nicht und robustes Wirtschaftswachstum ist nirgendwo in Sicht. Schlaffes Wachstum setzt den Rohstoffpreisen zu. Hält mein Nervenkostüm diesen wilden Kurskapriolen stand? Die Risiken der aufgetürmten Schulden, die lasche Geldpolitik und geopolitische Unsicherheiten sprechen langfristig wohl weiter für Gold.

Die Welt des Kapitalanlegers droht, aus den Fugen zu kippen. Und wer den Durchblick zur Welt der Geldwerte noch nicht gänzlich verloren hat, wird tagtäglich von wilden Gerüchten hin- und hergerissen. In der Flut von sich widersprechenden Einschätzungen, Analysen und Prognosen zweifeln wir an unserer eigenen Wahrnehmung. Wissen wir – oder glauben wir bloss zu wissen?

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Wachstum verebbt

Wie realistisch sehen wir eigentlich der angestrebten Energiewende entgegen? Weltweit wollen 5 Milliarden Menschen so leben wie wir. Mit aufblühendem Protektionismus, einer freien Marktwirtschaft, die überall verurteilt und abgekanzelt wird, einem Staat, der sich überall einmischt und dem Damoklesschwert überbordender Verbindlichkeiten, verkoppelt mit einer merkwürdigen Furcht vor allem Fremden und Neuen, müssen wir damit rechnen, dass künftiges Wachstum verebbt.

Last but not least scheinen wir alle der Sehnsucht nach sozialer Harmonie durch staatliche Regulierung zu verfallen. Niemand erinnert sich mehr an die alte, liberale Idee Humboldts, dass es stets auch wichtig sei, von den notwendigen Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu sprechen. Des Staates steter Machtzuwachs gilt als rundum unproblematisch, ja begrüssenswert. Die Fragen nach dem Weg, den diese Gesellschaft in die Zukunft wählt, wer dafür was bezahlt und wie wir künftig leben wollen, werden schlicht und einfach ausgeblendet.
       
 
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