• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

 

MEIN SCHLÜSSELERLEBNIS
Von Heinz Schenk

Der Weg einer Armbrust
 

 
Heinz Schenk
Heinz Schenk
Wenn ich im Büro auf unserer Galerie sitze und gedankenversunken Kopf in die Hände gestützt, Ellbogen auf dem Schreibtisch platziert nach vorne blicke, sehe ich meine uralte Armbrust an der Wand unter dem Giebelbalken hängen. Es sieht beinahe so aus wie das Kreuz in einer Kirche.

Diese „antike“ Waffe aus meiner bescheidenen Waffensammlung hat für mich eine ganz besondere Bedeutung. Als ich noch klein war, so ungefähr im Vorschulalter, erzählte mir mein Vater von einer Armbrust, wie unser Nationalheld Tell sie hatte und brauchte, um die Urschweiz zu retten. Sein Vater hätte ihm eine solche geschenkt, als er noch als kleiner Junge zur Schule ging. Es war offenbar bei mir in einem Alter, in dem ich oft mit Steinschleudern oder ähnlichen Wurfgeräten spielte. Nun, diese Armbrust war halt nicht mehr da, weil sie mein Grossvater einem Berufskollegen ausgeliehen hatte, damit dieser sie nachbauen könne. Natürlich hat mir mein Vater eine solche Waffe im Detail beschrieben, mit der man Pfeile wegschiessen kann. Die Kraft für den Abschuss komme aus einem Stahlbogen, den man am daran befestigten Seil spannen müsse. Aber dazu brauche es eine spezielle Einrichtung, weil es sehr viel Kraft brauche. Er machte bestimmt noch eine Zeichnung zur Erklärung. Meine Mutter war selbstverständlich so hilfsbereit, dass sie sich anerbot, mit mir zusammen im entsprechenden Dorf bei diesem Schreinermeister nach etlichen Jahren einmal nachzufragen, ob er nicht diese alte Waffe wieder zurückgeben möchte.


   


Mutters Bewegungsmittel war ein Damenrad mit Gepäckträger als Sitz für mich. Mit diesem Rad machten wir zu jener Zeit miteinander die üblichen Fahrten. Für mich war der Sitz auf dem harten Gepäckträger hinter der Mutter nicht sehr gemütlich, doch immer noch besser, als zu Fuss gehen zu müssen. Probleme hatte ich stets mit dem Festhalten. Die einzige Möglichkeit boten die zwei Sattelspiralfedern, welche immerhin meine Mutter etwas weicher sitzen liessen. Leider hatten meine kleinen Finger genau Platz zwischen den Spiralen der Federn, wenn der Sattel beim Treten entlastet wurde. Beim Wiederzusammendrücken waren dann oft meine Finger zwischen den Spiralen! Leider war dieser Besuch in der Schreinerei betr. der Armbrust nicht erfolgreich. Der ehemalige Kollege meines Grossvaters wird wohl schon seit einiger Zeit verstorben gewesen sein. Seine Nachkommen wussten scheinbar nichts von dieser alten Waffe, sodass wir kaum eine Möglichkeit fanden, das alte, schöne Stück jemals wieder zu Gesicht zu bekommen.

Eines Tages rief mich mein über 80-jähriger Vater an und erzählte mir, dass die Armbrust meines Grossvaters wieder zurückgebracht wurde. Am Nachmittag sei ein Herr Kaspar, offenbar ein Nachkomme meines Grossvaters Kollegen, vor der Haustüre gestanden. Dieser hätte erzählt, dass er beim Aufräumen des alten Gerümpels diese Waffe gefunden habe. Er erinnere sich auch, dass sein Vater ihm von der Geschichte erzählt habe. Er hätte nun den rechtmässigen Besitzer finden können und sei froh, das schöne Stück jetzt um die Weihnachtszeit zurückgeben zu können. Vater und ich haben uns über dieses „Wunder“ sehr gefreut, ich speziell, weil der Vater die Armbrust mir für meine Sammlung schenkte. Exakt zwei Monate später ist mein Vater gestorben.


 
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Nach wie vor bin ich gewaltig beeindruckt über die Rückgabe nach so langer Zeit. Ich schätze, dass mein Grossvater die Armbrust in den 1910er Jahren weggegeben hat und sie 1984 zurückgebracht wurde, also nach ungefähr 70 Jahren. Das dauerte also drei Generationen! Zudem hat meine Mutter vielleicht fast 50 Jahre vor der Rückgabe nie mehr danach gefragt. Aber eben: „Wunder gibt es immer wieder“. Vor allem beeindruckt auch die Rückgabezeit zwei Monate vor Vaters Tod und an Weihnachten. Bei allen Philosophien über Zeit, habe ich damals eindrücklich erlebt, was Zeit bedeuten kann, speziell auch im Zusammenhang mit beinahe unmöglichen Zufällen. Fast könnte man dabei an Spiritualität denken.

Ich habe daraufhin natürlich ein bisschen geforscht, weil ich wissen wollte, woher die Waffe stammte. Auf dem Metallteil ist eingestanzt: J. AMSTAD A STANZ. In Stans gab es tatsächlich ca. 1805 einen J. Amstad (die Familie wurde „Sacklers“ genannt), welcher Armbrüste herstellte. Mein Sammlerstück stammt aus den Jahren 1820 – 1830.
 
     
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