• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Der Mythos vom göttlichen Kind

Untertitel
Von Rita Famos
Der Mythos vom göttlichen Kind
© wikimedia.org
„Mir träumte, ich sei in einem finsteren Keller“, erzählte eine Frau im seelsorgerlichen Gespräch. „Ich konnte nichts sehen, war nur umgeben von Dunkelheit und nasser Kälte. Die Orientierung hatte ich verloren. Da hörte ich plötzlich einen Säugling weinen. Ich tastete mich zu dem weinenden Kind vor, fand es - und nahm es in den Arm. Es war warm und weich. Sogleich hatte ich ein Gefühl für das Kind, als wäre ich seine eigene Mutter. Als ich es auf den Arm nahm, wich die Dunkelheit, und ich fand problemlos den Weg aus dem Keller zurück in die Wohnung. Dort war meine Familie und lachte über mich: Woher ich denn das Kind habe, wurde ich gefragt. Ich hätte es im Keller gefunden, und es gehöre von nun an zu uns. Ich erwachte mit einem grossen Glücksgefühl und wusste, dass nun etwas Neues beginnen würde.“

Frauen kennen solche Träume, in denen uns Kinder geschenkt werden, wir unverhofft schwanger werden oder Neugeborene uns in die Arme gelegt werden. Und meistens deuten wir die Geburt von Kindern in unseren Träumen als geheimnisvollen Anfang und als das Aufblühen von neuen Lebensmöglichkeiten.

An diese Träume werden wir erinnert, wenn wir die Geburtsmythen von Erlösern und Heilsbringern in verschiedenen Religionen lesen. Eine frappante Ähnlichkeit verbindet sie: Die Erlöser werden meist in eine hoffnungslose, dunkle Zeit geboren, aus der sich die Menschen nicht alleine befreien können. Ihre Zeugung geschieht meistens jungfräulich. Sie sind ein Ergebnis der Verschmelzung von Himmlischem und Irdischem. Nicht von Menschen werden sie gezeugt, sondern als ein himmlisches Geschenk kommen sie zu uns. Die Geburt geschieht oft unter widrigen Umständen, und die göttlichen Kinder sind immer bedroht, bis sie ihren besonderen Auftrag erfüllen können.

Geschenkter Neuanfang

Buddha zum Beispiel wird von seiner Mutter während eines Traumes empfangen. Geboren wird er unterwegs, während einer Reise zum Elternhaus der Mutter. Krishna wird geboren, als die Eltern gefesselt in einem Kerker sind. Der König Kamsa trachtet ihm nach dem Leben. All diese Mythen von den Geburten der göttlichen Kinder schliessen an unsere ureigensten und tiefsten Träume und Sehnsüchte an: Es gibt immer wieder ausweglose, dunkle Situationen, aus denen wir uns nicht alleine herausbewegen können. In diesen Situationen, da wir uns nicht fähig fühlen, selber etwas zu bewirken, sehnen wir uns danach, dass uns ein Neuanfang geschenkt wird. Die Mythen erzählen davon, dass das göttliche Kind, der Neuanfang, uns geschenkt wird. Plötzlich, unverhofft, nicht selbst bewirkt. Die Geburtsmythen erzählen uns nicht vom biographischen Anfang eines Erlösers und Heilers, sie erzählen uns vielmehr vom Wunder eines neuen, geschenkten Anfangs.

Kein biographischer Ursprung

Rund um Weihnachten werden landauf, landab die Weihnachtsevangelien gelesen. Der Evangelist Lukas erzählt uns vom Engel, der zur jungen Maria kommt und ihr die Geburt des Gotteskindes ankündigt. Unterwegs, im Stall, bringt sie das Kind zur Welt. Auch die Hirten vernehmen durch die Engel von der Geburt und machen sich auf den Weg, das göttliche Kind zu suchen. Der Evangelist Matthäus schildert die Geschichte von den Magiern im Morgenland, die dem Stern folgen und den König im Stall finden. Der König Herodes befürchtet, die Macht und Kontrolle zu verlieren und trachtet dem Kind nach dem Leben. Die junge Familie muss flüchten.

Auch hier in der Bibel die bekannten Elemente: Die göttliche Zeugung, die Geburt unter speziellen Umständen und die Bedrohung des neuen Lebens. Auch die biblischen Weihnachtsgeschichten erzählen uns nicht vom biographischen Ursprung Jesu. Sie zeigen uns in mythischen Bildern, wie wir Jesus verstehen können: Er kommt von Gott. Er vereinigt in sich Himmel und Erde, ist zugleich Mensch und zugleich Gott, wie das alte Bekenntnis sagt. Er schlägt die Brücke zwischen beidem. Und so wird er auch auf seinem irdischen Weg den Menschen einen Weg zurück zeigen, zurück zu ihrem himmlischen Ursprung und ihrer göttlichen Bestimmung. Er zeigt ihnen das Leben, wie Gott es gemeint hat.

Hoffnungsgeschichten

Die biblischen Geburtsgeschichten von Jesus sind Hoffnungsgeschichten. Sie sagen uns: Gott sieht deine Not. Er kommt hinein in deine Not und schenkt Dir einen überraschenden Neuanfang. Neuanfänge sind wie kleine Kinder: Man muss für sie Sorge tragen und sie beschützen, bis sie stark genug sind, um auf eigenen Beinen zu stehen.


Literaturhinweis



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