• Sonntag, 23.04.2017
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GENERATIONEN

Der Hipster – Das unbekannte Wesen?

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Von Tatiana Sfedu
Der Hipster – Das unbekannte Wesen?
© wikimedia.org
Eine Definition des modernen Hipsters gestaltet sich nicht leicht. Allein eines treibt ihn an: die Suche nach Andersartigkeit und Authentizität. Dabei scheitert dieses Bestreben des Hipsters des 21. Jahrhunderts bereits an der Begrifflichkeit „Hipster“, handelt es sich doch nur um eine Neu- bzw. Wiederentlehnung dieser Bezeichnung für eine amerikanische Subkultur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Der Hipster im 20. Jahrhundert

Ursprünglich entstammt der Begriff der afroamerikanischen, avantgardistischen Jazzszene der 1920er/1930er Jahre und stand für angesagte Musik, den Bebop. Zentrale Ausdrücke im Sprachgebrauch waren das Wort „cool“, das auch heute noch ohne Bedeutungswandel in der Umgangssprache verwendet wird, und das Wort „hip“, das wohl am ehesten mit „in“ oder „angesagt“ übersetzt werden kann.

Geprägt wurde der Begriff „Hipster“ in den 1940er Jahren von dem jüdischen Boogie-Pianisten und Sänger Harry Gibson und bezeichnete damit auch die weissen Angehörigen dieser Subkultur, die ihre schwarzen Altersgenossen gewissermassen als Vorbilder betrachteten. Es fand eine Solidarisierung mit den Afroamerikanern bezüglich der Lebensgewohnheiten und der Sprechkultur statt. Politisch engagierte sich die afroamerikanische Community für mehr Emanzipation, und die weissen, zumeist kommunistisch geprägten Intellektuellen für eine radikale Änderung des Systems. Jedoch ist diese Politisierung in ihrer Intensität nicht vergleichbar mit den Ideen der zeitgleich sich in Westeuropa manifestierenden Existenzialisten.

Modisch unterschied sich der Hipster vom Durchschnittsbürger durch schwarze Kleidung und Sonnenbrille, trug, sofern männlich, einen Unterlippenbart, konsumierte Marihuana oder Heroin und interessierte sich für Kunstwerke der amerikanischen Avantgarde, Bebop Head, das Living Theater oder die Schriftsteller der Beat Generation. Bis zu Beginn der 1960er Jahre blieb die Subkultur der Hipster in Amerika eine kleine gesellschaftliche Untergruppe unterschiedlicher sozialer Herkunft und Hautfarbe, die sich vor allem in den Theatern, Galerien, Cafés sowie Bars in Manhattan aufhielt und sich schliesslich auflöste.

Der „neue“ Hipster

„Totgesagte leben länger“, dieses Sprichwort passt auf den Hipster des 21. Jahrhunderts. Wurde 2010 noch „das unrühmlichen Ende der Hipster“ verkündet (Basler Zeitung vom 27.10.2010), so erfahren diese seit 2012 erneut eine deutliche Zunahme. Neben London und New York ist die Trendmetropole Berlin einer der bevorzugten Aufenthaltsorte, aber auch in anderen Städten Deutschlands und Europas hat sich bei den 20 – 30-Jährigen der urbanen Mittelschicht dieser Lifestyle durchgesetzt. Erste Vertreter der „neuen“ Subkultur waren Ende der 1990er Jahre in den USA zu verzeichnen. Da die schwarze Strassenkultur vom Mainstream anerkannt war, bedienten sich die Jugendlichen der Attribute der weissen Unterschicht, um sich abzugrenzen: Trucker-Kappen, Holzfällerhemden, Schnauzbärte. Die Intention der Hipster des 21. Jahrhunderts ist es, authentisch zu sein und sich von allem abzuwenden, was Mainstream bedeutet. Hierbei sind sie dem gängigen Vorwurf ausgesetzt, sich wahllos bei der Hipster-Subkultur des 20. Jahrhunderts zu bedienen, ohne jedoch deren Geisteshaltung zu besitzen. Politische Ambivalenz träfe dabei auf rein ästhetischen Inhalt. Sie teilten deren Leidenschaft für nicht kommerzielle Musik, unabhängige Kunst oder interkulturelle Literatur, ohne jedoch zu verstehen, was sie konsumierten. Ihnen wird Oberflächlichkeit vorgeworfen, denn sie reduzierten sich allein auf ihren Look. Das Mode- bzw. Szenebewusstsein der Hipster ist allerdings ausgeprägt, und so wurde ein Stil kreiert, der sie vom verachteten Mainstream unterscheiden sollte, um ihrer Andersartigkeit Ausdruck zu verleihen. Trends aufzuspüren und immer zu wissen, was angesagt ist, ist für Hipster essentiell.

Um seine negative Haltung zur Konsumwelt zu demonstrieren, trägt der Hipster am liebsten Vintage, Kleidung aus dem Second Hand-Laden und kombiniert sie, so die Spötter, mit Markenartikeln aus den im Trend liegenden Bekleidungsgeschäften. Sein Kennzeichen ist die umgekrempelte Röhrenjeans. Die Männer tragen Bart, beliebt bei beiden Geschlechtern sind der Undercut und die überdimensionierte Nerdbrille. Um sich vom Mainstream-Konsumenten abzusetzen, gehört der Jutebeutel zum stilgerechten Outfit. Dennoch ist für den Hipster das neueste iPhone ein Muss. Er ist in der Club- und Kulturszene zu Hause, trinkt Mate-Tee und liest Jack KerouacsOn the road“.


Der „neue“ Hipster
© wikimedia.org
Der „neue“ Hipster
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Ein nicht klar zu definierendes Massenphänomen

Der Autor Mark Greif untersucht das Hipster-Mysterium in seinem Buch „Hipster – eine transatlantische Diskussion“ und kommt zu dem Schluss, dass eine klare Definition des Hipsters schwerfällt. Dieser orientiere sich widersprüchlich, da zugleich an subkultureller Rebellion und an der Elite ausgerichtet. Tatsächlich übernimmt der europäische Hipster Kleidungsstücke, die vom amerikanischen Hipster aus gesellschaftlichem Protest getragen werden, als angesagten Look, ohne zu wissen, was sie in Übersee symbolisieren. Es gibt inzwischen viele Jugendliche, die diesem Trend folgen, so dass von einer Subkultur nicht mehr die Rede sein kann. Sie hat sich, auch Dank der Social Media, zum Mainstream entwickelt - ihre Insignien sind bereits bei H & M zu kaufen. Dabei bekennen sich die Hipster nicht zu „ihrer“ Szene, sondern betrachten sich als Aussenstehende einer jeglicher Lebensstilgruppierung.

Ein Hipster bezeichnet sich selbst nicht als Hipster. Wer „hip“ sein will, macht sich über Hipster lustig, ist cool und ironisiert sich selbst. Die Aversion kommt oft aus den eigenen Reihen. Es gibt unzählige Blogs, die sich gegen den Hipster richten. New Yorker Künstler gaben ihrer Abneigung Ausdruck, indem sie auf den Strassen Fuchsfallen auslegten, in denen Sonnenbrillen und weitere Attribute des Hipsters lagen. Auch die Berliner reagieren mit Abwehr.

Das „Hipstertum“ hat viele Nachahmer, und die Haltung, keine Haltung zu haben, wäre zu kritisieren. Fataler jedoch sind die Folgen einer Instrumentalisierung. So bedienen sich rechtsorientierte Gruppierungen vermehrt der Hipster-Insignien, um optisch Hemmschwellen bei der Rekrutierung jugendlicher Mitglieder abzubauen. Einen Namen haben sie in der Szene übrigens auch schon erhalten: „Nipster“ (aus Nazi und Hipster).


Quellen:
- Michèle Binswanger, Das unrühmliche Ende der Hipster, in: Basler Zeitung 27.10.2010.
- Marc Greif (Hg.), Hipster – eine transatlantische Diskussion, Berlin 2012.
- Olga Giechel, Was ist ein Hipster, auf: www.hipsterhype, aufgerufen am 22.08.2014.



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