• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

 

MEIN SCHLÜSSELERLEBNIS
Von Roland P. Boschung

Der Gipfelstürmer - Begegnung mit der Legende Ueli Inderbinen
 

 
Roland P. Poschung
Roland P. Boschung
Als ich vor Jahren in Zermatt weilte und gerade aus der Dorfkirche trat, da begegnete mir zufällig der bekannte Bergführer Ueli Inderbinen, der im hohen Alter noch auf das Matterhorn und andere Gipfel stieg. Für diese ausserordentliche Leistung, die speziell vom Schweizer Fernsehen in einer Live-Reportage zum 125. Jahrestag der Erstbesteigung des Matterhorns gezeigt wurde, bewunderte ich ihn und wollte ihm dazu gratulieren, schliesslich war er damals 89 Jahre alt. In diesem Gespräch gestand ich ihm, ich sei kein grosser Berggänger, weil ich immer in der Höhe einen Schwindel empfinde. Ueli Inderbinen winkte ab und meinte trocken: «Das kann nicht sein. Der Schwindel findet nicht oben in den Bergen, sondern unten im Tal statt.»

Ueli Inderbinen wurde am 3. Dezember im Jahr 1900 in Zermatt geboren. Er stammte aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen und wuchs mit acht Geschwistern auf. Als fünfjähriger Knabe unterstützte er die Familie als Kuhhirt. Dann sorgte er im Alter von 13 Jahren als Schafhirt für den Lebensunterhalt. Weitere berufliche Erfahrungen sammelte er als Bauarbeiter, Schreiner und Elektriker.

Erstmals bestieg Ueli Inderbinen das Matterhorn mit seinen Schwestern im Jahr 1921. Vier Jahre danach schloss er die Ausbildung zum Bergführer erfolgreich ab. Mit dem aufkommenden Tourismus in den 60er-Jahren im Wallis erhielt er genügend Aufträge als Bergführer, um davon leben zu können.


 
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«Die Berge sind meine Welt. Hier fühle ich mich nahe bei Gott», sagte der gläubige Katholik. Ueli Inderbinen ging noch im Alter von 96 Jahren mit Kunden in die Berge. Ein Sturz beendete allerdings seine Karriere als Bergführer. 1996 reiste er nach Rom zu Papst Johannes Paul II., der selbst ein geübter Berggänger war, um von ihm den Segen zu empfangen.

Die Gemeinde Zermatt würdigte ihn zu seinem 100. Geburtstag mit einer persönlichen Ausstellung und weihte den neu geschaffenen Inderbinen-Brunnen (Bild) im Dorfzentrum ein. Als der rüstige Ueli Inderbinen 102 Jahre alt war, wurde er in einem Radiointerview zu Beginn des Gespräches gefragt, wie es ihm heute gehe. Darauf sagte er: «Mir geht es gut, ich habe vor wenigen Tagen mein letztes Kind ins Altersheim begleitet.»

Am 14. Juni 2004 starb Ueli Inderbinen – damals der älteste Mann im Kanton Wallis – 104-jährig und als einer der berühmtesten Bergführer der Welt in seinem Geburtsort.



   
  © Phillipp Gross (Wikipedia)  
  Inderbinen-Brunnen in Zermatt  
     
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