• Montag, 23.01.2017
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ALTERSTHEMEN

Der gezähmte und der wilde Tod

Untertitel
Von Helmut Bachmaier
Der gezähmte und der wilde Tod
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Der körperliche Tod ist ein Schicksal, das jedem Menschen früher oder später widerfährt. Endgültig gestorben ist jemand aber erst dann, wenn es niemanden mehr gibt, der sich seiner erinnert. Das Gedächtnis gibt eine Dauer über den Tod hinaus; und im Vergessen löst sich ein Leben endgültig auf. Hölderlin hat in seinen philosophischen Fragmenten unterschieden zwischen dem natürlichen Leben und dem geistigen Leben der Erinnerung. Das erste, natürliche Leben ist Gegenstand der Naturwissenschaften, hauptsächlich der Medizin; das Leben in der Erinnerung gehört zu den Themen der Kulturwissenschaften oder der Dichtung (Totenklage, Elegie).

Bestattungsrituale, Begräbnisfeierlichkeiten, Totengedenken gelten nicht zufällig als die signifikanten Formen und Ereignisse einer jeden Kultur. Im griechischen Mythos sind die neun Musen die Töchter der Göttin Mnemosyne, also der Erinnerung: Kultur erscheint dadurch als Erinnerungsarbeit. Orpheus, Prototyp und Urbild des Dichters, stieg in den Orkus hinab, um seine verstorbene Gemahlin Eurydike wieder ins Leben zurückzuholen. Im Totenreich darf er sich nicht nach ihr umwenden. Er übertritt dieses Verbot und verliert sie endgültig. Danach bricht er in Klagen aus: Der Tod und die Erinnerung sind die existentiellen Gründe für seinen Trauergesang. Beide sind aber auch die Hauptquellen jeder Kultur.

Ich-Erinnerung und Totengedenken

Nur weil wir uns erinnern können, wissen wir um unser Tun und können Rechenschaft ablegen (auch wenn Unangenehmes gerne vergessen wird). Die Gewissheit, dass ich als ein Ich existiere, habe ich nur in der Erinnerung: Selbstbewusstsein ist ein Er-innern, das Innewerden meiner selbst. Der Identitätssatz „Ich bin Ich“ kann demnach auch so formuliert werden: „Ich er-innere mich an mich“, das heisst, ich bin mir selbst innegeworden und dadurch gewiss. Oder wie es Augustinus ausgedrückt hat: „Ich bin mein Erinnern“.

Mindestens ebenso wichtig wie das Erinnern für den Lebenden ist das Gedenken für den Toten. Die Funktion der Erinnerung übernimmt bei den Toten das Gedächtnis bzw. das Andenken der Überlebenden. Wie kommt es zu dieser humanen und kulturellen Aufgabe?

Vollendung im Gedächtnis der anderen

Ein Leben kann sich nicht in sich selbst vollenden; denn andernfalls müsste das Gesamte einer Lebensgeschichte von einem Punkt jenseits des Todes aus betrachtet werden können. Wir können aber nicht nach unserem Tod auf den eigenen Tod reflektieren und ihn als Abschluss unseres Lebens fassen. Die Vollendung geschieht somit nicht in uns, sondern im Gedächtnis der anderen. Das Andenken der Nahestehenden bezieht im Akt des Gedenkens den Tod auf ein bestimmtes Leben, das dann zu einem vollendeten und ganzen wird. Deshalb stirbt der zum zweiten Mal und endgültig, der vergessen wird. Dies erklärt einigermassen schlüssig den Inhalt der Gespräche, die sehr oft am Totenlager oder am Grab geführt werden. Man erzählt dort vom Verlauf der letzten Stunden und Minuten des Verstorbenen, wie er schliesslich gestorben ist. Also genau das, was der Tote nicht mehr zum Gegenstand seiner Rück- und Lebensschau machen kann, wird erzählt - der Schlussakt auf der Bühne des Lebens, den der Hauptdarsteller nicht wiederholen kann.

Die Erinnerungs- bzw. Gedächtniskultur kommt der Familie (oder Partnern und Freunden) zu, die auf diesem Wege dem Toten die Vollendung seines Lebens und ein Weiterleben in der Erinnerung ermöglicht. Der schreckliche Tod ist demnach der gedächtnislose, der Tod, dem kein Gedächtnis und Andenken folgt. Die Tabuisierung der Mortalität in der Gegenwart raubt somit jedem Leben seine Einzigartigkeit und die Vollendung.

Zu den wesentlichen Kulturleistungen des Menschen gehören die Trauerrituale und Begräbniszeremonien, die nicht allein der Milderung des Schmerzes dienen. Es ist bezeichnend für eine narzisstische Kultur, dass sie solche Rituale nur als Entlastungsprojekte sieht und dabei die Pflicht gegenüber den Toten vernachlässigt. Nur im Gedächtnis der anderen kann ein Mensch an seine endgültigen Grenzen stossen. Solche Grenzen werden schnell gezogen, wenn mit grossem Aufwand der Tod aus dem Bewusstsein verdrängt, als Skandal angesehen wird.

Die Trivialität des Todes

Heutzutage wird in der Anonymität, nicht mehr in der Öffentlichkeit gestorben. Es gibt deshalb so etwas wie einen Erfahrungsverlust, was den alltäglichen Tod anbelangt, einmal abgesehen von der Sprachlosigkeit angesichts der Genozide im letzten Jahrhundert. Man sieht ihn nicht mehr, man wendet die Aufmerksamkeit von Sterbenden ab, sie stören. Es existiert deshalb auch nicht mehr ein allgemeinverbindliches Bild des Todes. Diese Sprach- und Bildlosigkeit wird übertönt und besetzt durch die Parolen des Jugendlichkeits-, Fitness- oder Gesundheitskultes. All diese Kulte leben aus dem schlechten Gewissen und der Ignoranz gegenüber der elementaren Tatsache des Lebens, nämlich, dass jedes Leben ein direkter Gang in den Tod ist. Vollends wird der Tod zu einer belanglosen Trivialität und einem Massenartikel, wenn er in den Medien und ihren Gewaltdarstellungen ständig anwesend ist, aber aus den realen Leben verdrängt bleibt.

Ein (fiktiver) Tod auf dem Bildschirm bleibt folgenlos und reduziert ihn auf ein Spannungs- und Unterhaltungsmoment. Auch hat der Tod seine Evidenz verloren: Man streitet sich wissenschaftlich um eine Definition, die dem medizinischen Lebensmanagement die Entscheidungen erleichtern oder gar abnehmen soll. Ein solchermassen definierter Tod wird auf äussere Merkmale reduziert und gleicht einem katalogisierbaren Gegenstand.

Die mediale Auferstehung

Im Cyberspace soll der Tod eine völlig neue Qualität erhalten. Wir können mit Bildern von Verstorbenen auf Videos und Fotografien als virtuelle Realitäten interaktiv kommunizieren; die Bilder werden durch eine Software animiert und stellen den symbolischen Körper des Toten dar. Darin findet der physisch Tote seine mediale Auferstehung [vgl. SenLine-Artikel: Unsterblichkeit im Cyberspace].

Einzigartigkeit

Das alte Ägypten hat sein Leben ganz aus dem Tod heraus gestaltet und gerechtfertigt. Die steinernen Pyramiden wurden zum Sinnbild seiner Ewigkeitserwartung, die wiederum dem Leben eine Intensivierung und Steigerung brachte. Heute werden alle Spuren des Todes rasch beseitigt, so, als gäbe es ihn gar nicht mehr.

Der Tod als Grenze verleiht jedem Leben seine Form und Einmaligkeit. Durch seine Beseitigung oder Verdrängung wird Individualität als Ausdruck von Einzigartigkeit unmöglich. Orientierungslosigkeit resultiert leicht aus dem diffusen Gefühl der Todesverdrängung. Nicht zuletzt wird vieles wertlos, weil ihm die Einzigartigkeit geraubt wird. Obwohl immer wieder der extreme Individualismus in den westlichen Industriegesellschaften beklagt wird, ist es tatsächlich doch so, dass eher gleichförmige Massen dasselbe tun, die gleiche Kleidung tragen, dieselben Gesundheitsübungen erleiden, ähnliche Hamburger konsumieren, dieselbe Lustigkeit oder Weinerlichkeit an den Tag legen, dieselbe Verdrängung des Todes praktizieren. Damit lässt sich aber der „wilde Tod“ (Ariès) der Moderne nicht bändigen. Er kehrt wieder in der Angst vor dem Älterwerden und zeigt sich andeutungsweise in den Masken der Verjüngung.

Philosophieren heisst sterben lernen

Der Skeptiker Michel de Montaigne (1533-1592), mit dem die moderne Selbstanalyse beginnt, schrieb in seinem Essay „Philosophieren heisst sterben lernen“: „Wo der Tod auf uns wartet, ist unbestimmt; wir wollen überall auf ihn gefasst sein. Sich in Gedanken auf den Tod einrichten, heisst sich auf die Freiheit einrichten; wer zu sterben gelernt hat, den drückt kein Dienst mehr: Nichts mehr ist schlimm im Leben für denjenigen, dem die Erkenntnis aufgegangen ist, dass es kein Unglück ist, nicht mehr zu leben. Sterbenkönnen befreit uns von aller Knechtschaft, von allem Zwang.“

Unsere Angst vor dem Tode entsteht nach Montaigne aus unserer Unvertrautheit mit dem unvermeidlichen Widerfahrnis, aus der Fremdheit des Todes. Dieser kann seinen Stachel nur verlieren, wenn wir uns mit ihm tagtäglich befassen, wenn er uns vertraut geworden ist. „Wir müssen versuchen, ihm seine furchtbare Fremdartigkeit zu nehmen, mit Geschick an ihn heranzukommen, uns an ihn zu gewöhnen, nichts anderes so oft wie den Tod im Kopf zu haben, ihn uns in unserer Phantasie immer wieder in den verschiedensten Erscheinungsformen auszumalen.“ In diesem Zusammenhang wird an die Gewohnheit der alten Ägypter erinnert, die, selbst bei der ausgelassensten Fröhlichkeit, noch daran dachten, wie sehr sie rings vom Tod bedroht sind, wie leicht er plötzlich in den Trubel hineingreifen kann: „Beim Fest, wenn es am höchsten herging, liessen sie ein Menschengerippe in den Saal tragen, als Mahnung für die Gäste.“

Einübung in den Tod

Die eigentliche Einübung in den Tod beginnt für Montaigne damit, dass alles allmählich losgelassen wird, was uns an diese Welt bindet, bis wir es dann nur noch mit uns zu tun haben. „Der Schritt, der uns bevorsteht, ist schwer genug, wir sollten uns nicht zusätzlich belasten.“ Schliesslich ist sich Montaigne bewusst: „Von allem kann ich leicht Abschied nehmen - ausser von mir.“ Diese Philosophie als eine ars moriendi, also eine Kunst des Sterbens, hat ihre Gewissheit darin, dass der Tod für den einzelnen um so sanfter ist, je selbstverständlicher er empfunden wird und je weniger die Menschen sich an die Dinge dieser Welt hängen.

Wie anders ist dagegen das Verhältnis zum Tod in den Industriegesellschaften des 20. oder 21. Jahrhunderts: Er wird als Skandal, als Pornographie angeprangert. Auf Sterbestationen wird der einsame und anonyme Tod erlitten. Je stärker er medizinisch, technisch gebändigt wird, desto schrecklicher nimmt sich seine Realität aus.

Unverfügbarkeit

Was den Tod oft so skandalös erscheinen lässt, ist seine schlechthinnige Unverfügbarkeit. Jede Anstrengung der Wissenschaft und der Technik muss sich daran aufreiben, ebenso jede politische Verfügungsstrategie. Tyrannen und Diktatoren unterwerfen sich alles, was ihre Herrschaft gefährden könnte. Letztlich wollen sie das einzig Unverfügbare, den Tod, auch noch unter ihre Kontrolle bringen, und sie spielen sich als Herren über Leben und Tod auf. Solche Gewaltsysteme als monumentale Todeskommandos sind aus der Angst geboren. Elias Canetti hat in „Masse und Macht“ diesen Mechanismus exakt beschrieben. Jedoch bleiben all diese Strategien der Fragilität, der potentiellen Zerbrechlichkeit aller Beziehungen, unterworfen, die Seneca uns ins Stammbuch geschrieben hat: „Alle sind gleich gebrechlich; keiner ist sicherer als die anderen, dass er den nächsten Tag erleben wird.“

Der Tod als Anfang

Wir sind gewohnt, den Tod als das Ende des Lebens anzusehen. Er war nach christlicher Auffassung in der göttlichen Ordnung ursprünglich nicht vorgesehen und ist die Folge für sündhaftes Verhalten, also ein Niedergang, eine Erscheinung der Dekadenz. In anderen Kulturen wie etwa im Hinduismus („Upanishaden“) wird die gegenteilige Auffassung vertreten: Der Tod steht nicht am Ende, sondern am Beginn des Lebensprozesses. Daraus folgt die selbstverständliche Zugehörigkeit des Todes zum Leben von Anfang an. Im Taoismus stehen Leben und Tod in einem Abhängigkeitsverhältnis, wobei der Tod jede Abhängigkeit wieder auflöst. Und Buddhas „amata“, seine Todlosigkeit, bedeutet vor allem einen abgeklärten Zustand, in dem Furcht und Angst keinen Raum mehr haben.

Unsterblichkeit

Der Wunsch nach Unsterblichkeit wird bereits im antiken Mythos im Gespräch zwischen Chiron und seinem Vater Saturn als töricht abgelehnt. Saturn, der Gott der Zeit und Dauer, belehrt seinen Sohn, um wie viel härter und unerträglicher ein Leben wäre, das nie ein Ende nähme. „Ich habe dem Tod absichtlich einen etwas bitteren Geschmack gegeben, damit ihr nicht zu gierig und unbesonnen nach ihm greift, wenn ihr seht, wie einfach durch ihn alles erledigt wird.“ Den Fluch und die Qualen der Unsterblichkeit hat Friedrich Dürrenmatt seinem Nobelpreisträger Schwitter im „Meteor“ widerfahren lassen, bis dieser schliesslich es herausschreit: „Wann krepiere ich denn endlich!“

In den modernen Leistungsgesellschaften werden Krankheit und Tod nur noch als Störung empfunden. Eine Steigerung der Empfindsamkeit durch den kranken Körper oder durch übersensible Nerven wird als dekadent in Frage gestellt. Die Verpflichtung zu kollektivem Glück vertuscht, ja verbietet den Tod. Alleingelassen, ohne Würde, wird der Mensch am Ende seines eigenen Todes beraubt. Schweigen umgibt ihn, Gefühlsbelastungen sollen den anderen erspart bleiben. Die dezente Beseitigung des Leichnams tritt an die Stelle eines Rituals wie der Totenklage, die früher eine Form der kollektiven Bewältigung der Trauer war. Die Tabuisierung und die Unterdrückung des Todes entfachen jedoch einen elementaren Aufruhr, erzeugen Panik und Verzweiflung, den „wilden“ Tod der Moderne.

Literaturhinweis:
Philippe Ariès: „Geschichte des Todes“ (1978).


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