• Samstag, 23.09.2017
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ALTERSTHEMEN

Der gangunsichere Patient

Der gangunsichere Patient
© Basel Mobility Center, Akutgeriatrie, Universitätsspital Basel
Vorbemerkung
  • Gangunsicherheit ist oft ein Symptom zugrunde liegender Pathologien. Sensorielle und/oder kognitive Defizite sind häufige Ursachen von Gangunsicherheit.
  • Einige schnelle Screening-Tests können in der Hausarztpraxis durchgeführt werden, um Mobilitätsprobleme zu erfassen. Falls diese pathologisch sind, sollen genauere Untersuchungen veranlasst werden.
  • Die Früherkennung von Mobilitätsproblemen erlaubt eine frühzeitige Implementierung von gezielten Interventionen, um die Gangsicherheit zu verbessern.
Viele Krankheiten verursachen Gangschwierigkeiten wie z.B. die Parkinson Erkrankung, Multiple Sklerose, Hemiparese nach einem Schlaganfall, Arthrose in Hüft- oder Kniegelenken usw. Oft haben ältere Patienten Beschwerden, welche nicht immer gleich mit zugrunde liegenden Gehproblemen in Verbindung gebracht werden. Nehmen wir als Beispiel eine 77jährige Frau, die über Schwindel klagt. Schwank- oder Drehschwindel verneint sie, den Schwindel kann sie leider nicht weiter charakterisieren. HNO- und neurologische Untersuchungen sind unauffällig. Das kann eine frustrierende Situation sein, sowohl für den Hausarzt als auch für den Patienten, der manchmal zusätzlich das Gefühl bekommt, seine Beschwerden werden nicht ernst genommen und/oder ihm wird nicht geholfen. Manchmal sind solch diffuse Beschwerden wie Schwindel die ersten Zeichen von beginnenden Gehschwierigkeiten.

Dieser Artikel beschreibt sensorielle und kognitive Defizite als mögliche Ursachen von Gangunsicherheit, für die Hausarztpraxis geeignete Mobilitätsassessments sowie gezielte Interventionen, um den Gang sicherer und „stress-resistenter“ zu machen.


Beschwerden

Schwindel ist der häufigste Grund von über 75-Jährigen, den Hausarzt aufzusuchen. In weniger als der Hälfte der Fälle wird eine spezifische Diagnose gestellt. Ältere Personen mit Schwindel haben gegenüber Gleichaltrigen ohne Schwindel ein zwölffach erhöhtes Sturzrisiko. Zusätzlich zum Schwindel hören wir häufig folgende Beschwerden von Patienten, die zur Ganganalyse in unser Zentrum kommen:
  • Ich fühle mich unsicher auf den Beinen.
  • Ich gehe nicht mehr gerne alleine aus der Wohnung.
  • Ich bleibe manchmal stehen, weiss aber nicht warum.
  • Mir geht’s gut, solange ich mich festhalten kann / bei jemandem einhaken kann.
  • Ich habe keine Probleme mit dem Gehen, ich muss nur immer aufpassen.
  • Ich fühle mich unwohl, aber ich weiss nicht warum. Schmerzen habe ich nicht.
  • Etwas hat sich geändert.

Was hat sich denn geändert?

Es gibt eine hohe Prävalenz, ein hohes Vorkommen von sensoriellen und kognitiven Defiziten bei älteren Erwachsenen, und die Häufigkeit von solchen Defiziten steigt mit dem Alter. Beide sind mit Gangschwierigkeiten verbunden. Häufig geht eine Gangunsicherheit voraus.

Sensorielle Defizite

Obwohl das normale Gehen eine komplexe motorische Aufgabe ist, fordert es bei jungen, gesunden Erwachsenen minimale Aufmerksamkeit und wird beinahe automatisch ausgeführt. Bei vielen älteren Erwachsenen funktioniert das Gehen – obwohl von aussen betrachtet oft noch unauffällig – nicht mehr automatisch. Alters-bedingte Veränderungen wie verminderte Muskelkraft (vor allem aufgrund einer Sarkopenie) sowie verminderter sensorieller Input (Defizite in Propriozeption, Sehkraft, Gehör) beeinträchtigen Systeme, welche für die posturale Kontrolle, also für das Vermögen, unter dem Einfluss der Schwerkraft eine aufrechte Körperposition beizubehalten, zuständig sind (Abb. 2).
Neuromotorische Kontrolle
- Kognitive Defizite


Hörvermögen

- Presbyakusis
- Tinnitus


Sehvermögen
- Katarakt
- Makuladegeneration


Periphere Sensibilität
- Polyneuropathie
Alters-assoziierte sensorielle Defizite

Vestibularsystem

- Benigner
   Lagerungsschwindel





Muskelkraft
- Sarkopenie
Abb. 2. Alters-assoziierte sensorielle Defizite.
Viele Systeme und Faktoren beeinflussen unsere posturale Kontrolle. Alters-assoziierte Veränderungen fordern Aufmerksamkeit für deren Kompensation und beeinträchtigen die Stand- und Gangkontrolle (Madame Chapeau von Tom Frantzen, Grand-Place, Brüssel).
Jede Person hat ein bestimmtes Ausmass an Aufmerksamkeitsressourcen. Wenn mehr Aufmerksamkeit benötigt wird, um sensorielle Defizite zu kompensieren, steht weniger Aufmerksamkeit für das Gehen zur Verfügung. Somit funktioniert das Gehen weniger automatisch. Selten wird der fürs Gehen erhöhte Bedarf an Aufmerksamkeit als solcher von den Betroffenen wahrgenommen. Sie fühlen sich aber beim Gehen oft unerklärlich unwohl. Diese Gefühle werden häufig als Schwindel, „trümmlig“ sein oder Unsicherheit beschrieben. Gangdefizite oder sogar Stürze können die Folgen sein.

Kognitive Defizite

Ein Gefühl von Unsicherheit beim Gehen kann das erste Symptom von kognitiven Defiziten sein. Die Exekutivfunktionen im Gehirn sind kognitive Prozesse, die den Ablauf komplexerer Handlungen planen und koordinieren. Die Exekutivfunktionen verteilen die Aufmerksamkeitsressourcen zwischen mehreren gleichzeitig durchgeführten Aktivitäten: Zum Beispiel „gleichzeitig gehen“ und „mit jemandem reden“. Exekutivfunktionsstörungen, zu welchen auch Störungen in der Aufmerksamkeit gehören, sind mit charakteristischen Gangveränderungen verbunden.

Insbesondere bei älteren Menschen interessiert der Grad an Aufmerksamkeitsaufteilung beim Gehen und gleichzeitigem Ausführen einer zusätzlichen kognitiven Aufgabe. Genügen die zur Verfügung stehenden Aufmerksamkeitsressourcen in einer doppelten Aufgabe (eine sogenannte Dual-Task-Situation) nicht für beide Aufgaben, verschlechtert sich die Leistung in einer oder beiden Aufgaben. Es kann zu Interferenzen zwischen konkurrierenden und auf gleiche Hirnareale zurückgreifenden Aufgaben kommen. Als Resultat zeigt sich oft eine verlangsamte Gehgeschwindigkeit und eine Zunahme der Gangvariabilität (gleichbedeutend mit einer Zunahme der Gangunregelmässigkeit [variierende Schritt-zu-Schrittlängen] und somit der Ganginstabilität). Diese wird als motorisch-kognitive Interferenz bezeichnet, gibt motorische Hinweise auf das Vorliegen kognitiver Defizite und ist mit einem erhöhten Sturzrisiko verbunden.

Gangdefizite als Sturzursachen werden leider oft erst nach einem Sturz wahrgenommen. Daher ist es wichtig, Gangprobleme frühzeitig zu erkennen, bevor es zu einem Sturz kommt.

Anamnese

Bei allen Patienten ≥ 65 Jahre alt soll regelmässig gefragt werden, ob Veränderungen beim Gehen oder bezüglich Gleichgewicht vorliegen. Häufig werden diese Änderungen von den Patienten nicht spontan erzählt, weil sie ein langsameres Gehen („ich bin ja pensioniert, hab jetzt Zeit und muss nicht mehr pressieren“) oder das Vermeiden von bestimmten sportlichen oder alltäglichen Aktivitäten als normale Alterserscheinungen hinnehmen. Diese können aber Vorboten von Gangproblemen sein.

Es soll auch immer gefragt werden, ob die Person seit dem letzten Praxis-Besuch gestürzt ist. Was Patienten unter einem Sturz verstehen ist selten deckungsgleich mit der Vorstellung ihres Arztes. Ein Sturz ist ein unerwartetes Ereignis, wobei der Betroffene ungewollt auf dem Boden zu liegen kommt. Für viele ältere Personen gilt ein Sturz aber nur dann als solcher, wenn sie dabei schwerwiegende Folgen erlitten haben – man konnte nicht allein aufstehen, eine Wunde musste genäht werden oder ein Knochen wurde gebrochen. Alles andere wird als ein Ausrutschen, ein Stolpern oder Folgen von Unachtsamkeit eingestuft. Diese Ereignisse werden banalisiert, weil „es ist ja nichts passiert“, d.h. keine Verletzungen wurden zugezogen.

Wie immer bei einer Anamnese bekommt man nur die richtige Antwort, wenn man die richtige Frage stellt. Die Formulierung muss individuell und kulturell angepasst werden. Wenn wir unsere Patienten fragen „Sind Sie in letzter Zeit gestürzt“, ist die Antwort fast immer „nein“. Wenn aber gefragt wird „Sind Sie in letzter Zeit ausgerutscht“ oder „umgefallen“ oder „umgheit“, dann kommt oft zusammen mit einem verlegenen Lächeln ein „Ja“.

Es soll auch immer gefragt werden, ob eine Sturzangst vorliegt. Auch hier, die direkte Befragung wird häufig verneint. Wenn die Frage anders formuliert wird, zum Beispiel wenn man nach „Bedenken“ statt „Angst“ fragt („Wenn Sie laufe, händ Sie Bedenke, Sie chönnte umgheie?“), wird diese bejaht. Ein „Ja“ ist dann oft in der Antwort hinter Aussagen wie „so lange ich gut aufpasse, dann nicht“ versteckt.

Falls subjektive Gangunsicherheit oder Gleichgewichtsprobleme vorliegen, Stürze vorgekommen sind oder eine Sturzangst vorhanden ist, sollen weitere Mobilitätsassessments (Beurteilungen der Mobilität) durchgeführt werden.

Mobilitätsassessments

Für den Allgemeinpraktiker gibt es noch keinen „gold standard“ als einzigen, umfassenden Screening-Test für den gangunsicheren Patienten. Für die Untersuchung der allgemeinen Mobilität gibt es jedoch einige standardisierte und validierte Assessments. Weil diese unterschiedliche Aspekte der Mobilität erfassen, ist eine Kombination der Untersuchungen, je nach Möglichkeit in der Praxis, empfehlenswert. Die aussagekräftigsten sind unten aufgeführt (Tab. 1).
Assessment Hinweise / Aussagen
Anamnese Fragen nach Veränderungen beim Gehen, Gleichgewichts-schwierigkeiten, Stürzen und Sturzangst
Uhrentest Wenn die Uhr nicht normal aussieht, gibt dieser Test Hinweise auf Störungen der Exekutivfunktionen
Ganggeschwindigkeit Soll ≥ 1 m/s
Timed Up & Go Test Soll ≤ 14 Sek.
Stops Walking when Talking Test Erhöhtes Sturzrisiko, wenn Gehen und Reden nicht gleichzeitig möglich sind, gibt Hinweise auf gestörte Exekutivfunktionen
Elektronische Ganganalyse Objektive Messungen von Gangdefiziten, welche oft mit dem blossen Auge noch nicht sichtbar sind, ermöglicht Früherkennung von Gangproblemen
Tab. 1. Mobilitätsassessments für die Praxis.

Uhrentest

Bei Verdacht auf Gedächtnisprobleme oder andere kognitive Störungen wird in der Praxis manchmal die Mini Mental State Examination (MMSE) durchgeführt. Dieser globale Test der Kognition umfasst leider die für die Gangsicherheit entscheidenden Exekutivfunktionen nicht. Dazu eignet sich der Uhrentest, welcher häufig mit dem MMSE zusammen gemacht wird. Der Patient soll eine Uhr zeichnen, mit allen Zahlen und Ziffern und danach die Uhrzeit aufschreiben, wie sie in einem Fahrplan oder Fernsehheft steht. Es kommt durchaus vor, dass jemand 28 oder 29 Punkte bei der MMSE erhält, jedoch eine sehr auffällige Uhr zeichnet. Wenn die Uhr und/oder der Zeitübertrag nicht normal aussehen, liegen wahrscheinlich Exekutivfunktionsstörungen vor. Diese Personen werden Gehschwierigkeiten haben, vor allem unter Dual Task-Bedingungen.

Gehgeschwindigkeit

Eine reduzierte Gehgeschwindigkeit ist ein Vorbote der eingeschränkten Mobilität. Eine gesunde Gehgeschwindigkeit für ältere Personen ist ≥ 1 Meter/Sek. Wer langsamer geht hat eine erhöhte Inzidenz von Stürzen, Hospitalisationen, Invalidität und Institutionalisierung gegenüber gleichaltrigen Personen mit normaler Gehgeschwindigkeit (liegt für Frauen wie Männer bei rund 1.2 m/s). Jede Verlangsamung um 0.1 m/s ist mit einer um 12 % erhöhten Mortalität verbunden.

Eine ausreichende Gehgeschwindigkeit ist auch für den Alltag relevant – eine Mindestgehgeschwindigkeit von 1.2 m/s ist für Fussgänger nötig, um während der Grünphase einer Ampel die Strasse zu überqueren. In der Praxis kann die Gehgeschwindigkeit mit einer Stoppuhr gemessen werden. Patienten sollen mit ihrer eigenen, selbst gewählten normalen Geschwindigkeit acht oder zehn Meter geradeaus gehen (Beginn der Sekundenmessung erst nach rund 2m Anlaufphase, Ende der Sekundenmessung, klar bevor der Patient zu verlangsamen beginnt).

Timed Up and Go Test (TUG) – Zeit für Aufstehen, Gehen, Hinsetzen

Der Timed Up and Go Test ist ein einfacher globaler Mobilitätstest bei älteren Personen. Mit einer Stoppuhr wird die Zeit gemessen, die benötigt wird, um vom Stuhl aufzustehen, drei Meter hin und zurück zu gehen und sich wieder hinzusetzen (Abb. 3). Auch bei diesem Test soll der Patient in seinem selbst gewählten normalen Tempo (allenfalls auch mit Gehhilfen) gehen. Bei Patienten, die mehr als 14 Sekunden benötigen, liegen Mobilitätsprobleme vor. Eine Testdauer von mehr als 21 Sekunden ist mit einem erhöhten Sturzrisiko sowie mit einem erhöhten Risiko der funktionellen Abhängigkeit und Institutionalisierung verbunden.
Timed Up & Go Test
Abb. 3. Timed Up & Go Test.
Beim Timed Up & Go Test muss der Patient vom Stuhl aufstehen, in normaler Gehgeschwindigkeit drei Meter vorwärts, um einen Pylon herum, zurück zum Stuhl gehen und wieder absitzen. Benötigt ein Patient dafür mehr als 14 Sekunden, liegen Mobilitätsprobleme vor.

Imagined Timed Up and Go Test (TUGi)

Kürzlich haben Studien die imaginäre Version des TUG Tests (TUGi) als zusätzlicher Mobilitätstest bei älteren Personen vorgestellt. Nach der Durchführung des reellen TUG Tests (TUGr) bleiben die Patienten auf dem Stuhl sitzen. Sie sollen sich den Ablauf vorstellen, während sie den TUGi absolvieren. Wenn der Patient sich in Gedanken wieder hinsetzt, sagt er „Stopp“. Auch bei diesem Test wird die Zeit in Sekunden gemessen. Viele ältere Personen sind beim TUG in der Vorstellung (TUGi) viel schneller als bei deren tatsächlicher Gehzeit (TUGr), und diese Differenz ist signifikant grösser bei älteren als bei jüngeren Erwachsenen.

Eine Studie hat gezeigt, dass ältere Personen, welche unter einer Dual Task Bedingung deutlich langsamer gehen als beim normalen Gehen (“single task”, einfache Aufgabe, selbst gewählte normale Geschwindigkeit), signifikant grössere Differenzen zwischen TUGr und TUGi-Testzeiten haben als diejenigen ohne die Dual Task-bedingten Ganginterferenz [3]. Diese Zeitdiskrepanzen zwischen TUGr und TUGi unterstreichen den Einfluss der kognitiven Funktionen auf den Gang und deuten auf das Vorliegen von Exekutivfunktionsstörungen hin. Daher können TUGr und TUGi kombiniert als Screening-Tests für die allgemeine Mobilität und die Exekutivfunktionen bei älteren Personen dienen.

„Stops Walking when Talking“ Test

Augenfällig ist der Zusammenhang zwischen Gang und Kognition, wenn jemand nicht gleichzeitig Gehen und Reden kann. Während ein Patient von der Wartezone zum Untersuchungszimmer begleitet wird, soll darauf geachtet werden, wer stehen bleiben muss, um eine einfache Frage zu beantworten („Stops Walking while Talking“). Falls ja (ausgenommen, die Frage wurde nicht gehört), ist die Dual-Task-Fähigkeit eingeschränkt. Diese gibt motorische Hinweise auf Störungen der Exekutivfunktionen und ist mit einem erheblich erhöhten Sturzrisiko in den nächsten sechs Monaten verbunden.

Quantitative Ganganalyse

Erhärtet sich bei einem der allgemeinen Mobilitätsassessments in der Praxis der Verdacht auf Gehschwierigkeiten, kann mittels einer quantitativen Ganganalyse das Sturzrisiko genauer bestimmt werden. Verschiedene Ganganalyse-Systeme wie beispielsweise elektronische Schuheinlagen, Lichtschranken, reflektierende Marker an den unteren Extremitäten oder ein elektronischer Teppich mit integrierten Druckrezeptoren (Abb. 4) ermöglichen eine schnelle und objektive Beurteilung des Gangs.
Elektronische Ganganalyse
Abb. 4. Elektronische Ganganalyse.
Quantitative Gangmessungen mittels elektronischem Gangteppich erlauben die Früherkennung von Gangdefiziten und somit von erhöhtem Sturzrisiko, sogar bevor Gehschwierigkeiten mit dem blossen Auge sichtbar sind.
Diverse Studien haben Veränderungen in bestimmten räumlichen und zeitlichen Gangparametern als unabhängige Sturzprädiktoren identifiziert. Ändert sich zum Beispiel die Schrittlänge von einem Schritt zum anderen um nur 1,7 cm bei einer älteren, zu Hause lebenden Person, ist das Risiko, dass sie in den nächsten sechs Monaten stürzt, beinahe verdoppelt. Solche Gangunregelmässigkeiten können zu klein sein, um sie mit dem blossen Auge zu erkennen, können aber eine grosse präventiv-klinische Bedeutung für die betroffene Person haben.

Auch wenn das normale Gehen unauffällig ist, werden Gangdefizite oft erst unter Dual-Task-Bedingungen erkennbar, wenn die Person gehen und gleichzeitig eine andere motorische oder kognitive Aufgabe erledigen muss. Sogenannte Dual-Task-Paradigmen gewinnen immer mehr Bedeutung bei der Ganganalyse älterer Menschen. Motorisch-kognitive Interferenz unter Dual Task, wie eine reduzierte Gehgeschwindigkeit oder eine Zunahme der Gangvariabilität (als Marker der Gangunregelmässigkeit), ist sowohl mit einem erhöhten Sturzrisiko als auch mit dem Vorliegen spezifischer kognitiver Defizite (Exekutivdysfunktion) verbunden [1]. Mit zunehmender Abnahme der Hirnleistung wird das Gehvermögen schlechter und die Sturzrate höher. Einige Studien haben gezeigt, dass Gangdefizite sogar bis 5 Jahre vor messbaren Gedächtnisproblemen vorhanden sein können.

Eine quantitative Ganganalyse, vor allem unter Dual-Task-Bedingungen, erlaubt die Früherkennung von Gangdefiziten, welche eine rechtzeitige und gezielte Intervention zur Gangverbesserung ermöglicht. Im besten Fall kann die Gehfähigkeit verbessert werden, bevor es zu einem Sturz kommt.

Gezielte Interventionen

Eine Überbeanspruchung von Aufmerksamkeitsressourcen (z.B. für die Kompensation sensorieller Defizite) oder Defizite in der Verteilung von Aufmerksamkeitsressourcen (z.B. bei Exekutivfunktionsstörungen) resultieren oft in einer Abnahme der Automatisierung des Ganges. Gangunsicherheit, Gangunregelmässigkeit (vor allem unter Dual Task Bedingungen) und sogar Stürze können die Folgen sein. Gezielte Interventionen können eine Reautomatisierung des Gehens bewirken. Besonders wirksam sind multimodale Bewegungsprogramme, welche rhythmische Bewegungen mit Kraft-, Gleichgewichts- und Koordinationskomponenten kombinieren. Eine der wirksamsten diesbezüglich untersuchten Interventionen ist (neben T’ai Chi) die Jaques-Dalcroze Rhythmik.

Jaques-Dalcroze Rhythmik

Hierbei handelt es sich um rhythmische Bewegungen zur improvisierten Klaviermusik (Abb. 5). Die Bewegungen sind nicht auswendig gelernt oder choreographiert. Teilnehmer bewegen sich frei im Raum zum Rhythmus der Musik. Dabei müssen sie darauf achten, wie gespielt wird. Zum Beispiel: Werden nur die tiefen Töne mit der linken Hand gespielt, bewegen sie nur die Beine. Wenn die hohen Töne mit der rechten Hand gespielt werden, klatschen sie. Wenn die Melodie am Klavier von der Rhythmikpädagogin mit beiden Händen mehrstimmig gespielt wird, müssen sie gleichzeitig gehen und klatschen im Takt der Musik… hört die rechte Hand plötzlich auf zu spielen, gehen sie weiter, ohne gleichzeitig zu klatschen [2].
Jaques-Dalcroze Rhythmik
Abb. 5. Jaques-Dalcroze Rhythmik.
Regelmässige Teilnahme an der Jaques-Dalcroze-Rhythmik – improvisierte Bewegungen zu Klaviermusik - stabilisiert den Gang und reduziert das Sturzrisiko.
Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen haben die hohe Wirksamkeit dieser Intervention belegt. In einer Genfer Studie haben 134 zu Hause lebende Senioren, mindestens 65 Jahre alt (mittleres Alter 75.5 Jahre), ohne Vorerfahrung, die Jaques-Dalcroze Rhythmik eine Stunde pro Woche während sechs Monaten regelmässig durchgeführt. Gegenüber der Kontrollgruppe verbesserte die Rhythmikgruppe ihren Gang unter Dual Task Bedingungen signifikant und reduzierte die Sturzrate um 54 % [4]. Vermutlich beruhen die Verbesserungen auf einer Besserung der Dual-Task-Fähigkeiten und einer Reduktion der motorisch-kognitiven Interferenzanfälligkeit, wodurch die freigewordenen Aufmerksamkeitsressourcen für das Gehen genutzt werden können.

T’ai Chi

Eine weitere erfolgreiche Bewegungsintervention für die Gangsicherheit ist T’ai Chi. Hierbei werden speziell einstudierte und in Form und Ablauf präzis definierte graziöse Bewegungen mit der oberen Extremität langsam durchgeführt. Gleichzeitig erfolgen bewusst gesteuerte Gewichtsverlagerungen in den stets leicht flektierten Beinen. Mit der Zeit werden die Übungen schwieriger und die initial breite Standbreite progressiv schmaler. Wie die Jaques-Dalcroze Rhythmik erfordern die rhythmisch durchgeführten T’ai Chi-Bewegungen Konzentration, motorisches Gedächtnis, Kraft und Gleichgewicht. In einer amerikanischen Studie haben 200 zu Hause lebende Senioren, mindestens 65 Jahre alt (mittleres Alter 76.2 Jahre), ohne Vorerfahrung, T’ai Chi einmal wöchentlich für 15 Wochen praktiziert. Gegenüber der Kontrollgruppe zeigte die T’ai Chi-Gruppe eine signifikante Reduktion der Sturzangst und eine 47 %ige Reduktion der Sturzrate [5].

Auch die allerbesten Interventionen sind nur dann wirksam, wenn sie regelmässig gemacht werden. Daher muss immer eine Intervention gewählt werden, die der einzelnen Person entspricht und auch Spass macht. Durch die regelmässige Teilnahme an der gezielten Intervention können sie einen regelmässigen und sicheren Gang erhalten oder wiedererlangen.

Zusammenfassung

Gangunsicherheit und Gehschwierigkeiten sind keine unweigerliche Folge des Alterns. Sie sind Symptome zugrunde liegender Pathologien. Sensorielle und/oder kognitive Defizite können die Ursache sein. Einige schnelle, standardisierte Mobilitätsassessments sind für die Durchführung in der Praxis geeignet. Bei auffälligen Resultaten können durch eine quantitative Ganganalyse die Gehprobleme genauer bestimmt werden. Gezielte Interventionen wie die Jaques-Dalcroze Rhythmik oder T’ai Chi können einen sicheren Gang bewirken.


Literatur:
  1. Bridenbaugh SA, Kressig RW. Laboratory Review: The Role of Gait Analysis in Seniors’ Mobility and Fall Prevention. Gerontology 2011;57:256–64.
  2. Website der Verein Erwachsenen- und Seniorenrhythmik nach Dalcroze: www.seniorenrhythmik.ch
  3. Bridenbaugh SA, Beauchet O, Annweiler C, Allali G, Hermann F, Kressig RW. Association between dual task-related decrease in walking speed and real versus imagined Timed Up and Go test performance. Aging Clin Exp Res. 2013;25(3):283-9.
  4. Trombetti A, Hars M, Herrmann FR, Kressig RW, Ferrari S, Rizzoli R. Effect of music-based multitask training on gait, balace and fall risk in elderly people: a randomized controlled trial. Arch Intern Med. 2011;171(6):525-33.
  5. Wolf SL, Barnhart HX, Kutner NG, McNeely E, Coogler C, Xu T. Reducing frailty and falls in older persons: an investigation of Tai Chi and computerized balance training. Atlanta FICSIT Group. Frailty and Injuries: Cooperative Studies of Intervention Techniques. J Am Geriatr Soc. 1996;44(5):489-97.


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