• Dienstag, 26.09.2017
Print

PERSPEKTIVEN

Der Elfenbeinturm im Kopf

Von Ernst Peter Fischer  
Schweizer Berghilfe - So kann mein Geld etwas bewirken
Rembrandt van Rijn:
„Der Philosoph“  (1633)
Klischeehafte Darstellung eines
Innenraums des Elfenbeinturms.
 
© de.wikipedia.org
Zu dem schwierigen Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit und einigen Versuchen, das „ public understanding of science“ zu verbessern.


Der moderne Mensch ist zwar dank Handy und Internet voll informiert, doch wissenschaftlich ist er manchmal ein Analphabet. Wer etwas anderes meint, verwechselt seinen Wunsch mit der Wirklichkeit. In der Öffentlichkeit wird die Naturwissenschaft so wenig verstanden, dass man leicht den Eindruck gewinnen kann, ein mittelalterlicher Bauer habe mehr von der Theologie seiner Epoche begriffen als ein Zeitgenosse von den Biologie der Neuzeit. Ein naturwissenschaftlich orientiertes Gespräch findet an keiner Stelle statt, und wir lassen die wichtigste Blüte der europäischen Kultur langsam aber sicher vertrocknen.

Diese Feststellung ist deshalb so deprimierend, weil es seit mehr als drei Jahrzehnten umfangreiche und vielfältige Angebote für die Öffentlichkeit gibt, sich über die Wissenschaft zu informieren, sich also ein „public understanding of science“ zu verschaffen, wie der angelsächsische Ausdruck heisst, unter dem das Thema heutzutage diskutiert wird. Doch die ernüchternde Bilanz all dieser Erklärungen und Anstrengungen liegt ganz nahe bei Null. Es gibt weder ein öffentliches Verstehen von, noch ein öffentliches Verständnis für Wissenschaft, und die nicht nur spannenden, sondern gesellschaftlich höchst relevanten Fragen lauten, warum dies der Fall ist und wie sich dies möglichst bald und umgehend ändern lässt.

So naiv wie einst in den fortschrittsgläubigen sechziger Jahren lässt sich Wissenschaft nicht mehr vermitteln. Während in den Zeiten der ersten Herzverpflanzungen und Weltraumflüge die Ergebnisse der Wissenschaft für sich ausreichten, um die Aufmerksamkeit eines staunenden Publikums zu gewinnen, fragt die Öffentlichkeit heute nach der Bedeutung des Erreichten und seinen Folgen für den Menschen. Sie will verstehen, wie die wissenschaftlichen Hervorbringungen in das Ganze eines Lebens passen und wie human der gelungene Fortschritt ist.

„Wissenschaft vermitteln“ hiess früher zum Beispiel, den physikalischen Mechanismus eines Lasers und seine Reichweite zu erklären. „Wissenschaft vermitteln“ heisst heute, einen Platz in dem Weltbild zu suchen, mit dem eine wissenschaftlich bestimmte Gesellschaft vorgeht, die mit Laserlicht nicht nur Gene sequenziert, Augen operiert und CDs abspielt, sondern die Laser längst als Teil einer globalen militärischen Strategie einsetzt und in ihnen die Waffen der Zukunft sieht. „Wissenschaft vermitteln“ hiess früher auch, die Rolle von Stammzellen bei Aufbau des Blutes zu erklären. „Wissenschaft vermitteln“ heisst heute, das Menschenbild zu zeichnen, das im Hintergrund der Biomedizin steht und über die Manipulation an Stammzellen entscheidet. Doch diese Aufgaben der Wissenschaftsvermittlung sind an verantwortlicher Stelle bislang nicht einmal im Ansatz zur Kenntnis genommen worden.

Der unsägliche Elfenbeinturm

Wie sehr in den Köpfen der derzeit für die Vermittlung von Wissenschaft Verantwortlichen an der Sache vorbei gedacht wird, kann man immer wieder feststellen, wenn sie die Wissenschaftler aufordern, den Elfenbeinturm zu verlassen. Als ob sie dies nicht schon längst getan hätten. Wenn man den Forschern in den vergangenen Jahren eines bescheinigen kann, dann, dass sie bereit waren, sich dem Publikum zu stellen. Viele Wissenschaftler – wie Ernst-Ludwig Winnacker oder Benno Müller-Hill – waren selbst unter hohen persönlichen Risiken bereit, ihre (genetisch orientierten) Forschungsinteressen und ihr Vorgehen in der Öffentlichkeit zu vertreten und sich der Diskussion selbst militant auftretender Gegner zu stellen. Und einige Wissenschaftler haben nach wie vor den Mut, sich auch dann öffentlich zu äussern, wenn sie sich nicht mehr auf dem sicheren Terrain ihres eigenen Fachgebietes bewegen. Dabei sind die Politiker noch gut in Erinnerung, die den Forschern mit populistischer Häme und unter dem Beifall der Stammtische vorwarfen, käuflich zu sein, wenn sie dabei – wie nicht anders zu erwarten war – zu unterschiedlichen Ansichten kamen.

Der Satz mit dem Elfenbeinturm ist inhaltlich unhaltbar, aber dieser Aspekt soll nur am Rande erwähnt werden. Eher noch deprimierender ist der Tatbestand, dass selbst wohlmeinende Beobachter der Wissenschaft das sowohl unbegriffene als auch abgegriffene Bild vom Elfenbeinturm benutzen, um das Verhalten von Forschern zu charakterisieren. Zur Erinnerung: Als der Begriff vom Elfenbeinturm (im modernen Sinne) zum ersten Mal verwendet wurde, diente er als Symbol für die selbst gewählte Isolation eines Künstlers bzw. Wissenschaftlers, „der in seiner eigenen Welt (nur seinem Werk) lebt, ohne sich um Gesellschaft und Tagesprobleme zu kümmern“, wie sich zum Beispiel im Brockhaus nachlesen lässt. Dieser „Elfenbeinturm“ ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, und sie geht auf den französischen Schriftsteller und Literaturkritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve zurück, der damit konkret das Werk des Dichters Alfred Comte de Vigny meinte. In dessen Texten treten Ausnahmeerscheinungen (Genies) auf, die innerhalb einer verständnislosen, weil materialistisch orientierten Gesellschaft keinen Platz finden und sich deshalb – in einer eher melancholischen Gestimmtheit – von ihr entfernen. Sie ziehen sich in einen Elfenbeinturm zurück, wie Sainte-Beuve es elegant und einprägsam ausgedrückt hat. Dabei darf der Hinweis nicht fehlen, dass Sainte-Beuve dieses Wort auf zustimmende und positive Weise verwendete, weil er keinen anderen Weg sah, auf dem ein dichterisches Werk entstehen konnte.

Elfenbeintürme dieser Art hat es in der jüngeren Geschichte der Wissenschaft gegeben, zum Beispiel in Kopenhagen, Göttingen und in Princeton (New Jersey). Was das zur Zeit des Ersten Weltkriegs geplante Niels-Bohr-Institut in Dänemarks Hauptstadt angeht, so hat sein Gründer dies ausdrücklich als Hafen für einige höchst intellektuell veranlagte Mitglieder der Spezies „Homo scientificus“ wie J. Robert Oppenheimer oder Lew Landau verstanden, die mit ihren Schrullen gesellschaftlich nicht leicht zurechtkamen. Dieser Hinweis soll nicht nur die Notwendigkeit von Elfenbeintürmen für die Entwicklung der Wissenschaft betonen, er soll auch deutlich machen, dass es gerade die Forscher, für die man diesen gesonderten Raum geschaffen hat, nicht an diesem isolierten Platz gehalten hat, als die Gesellschaft sie brauchte. Schliesslich ist zum Beispiel der öffentliche Ruhm Oppenheimers erstens durch seine Mitwirkung beim Bau der Atombombe und zweitens durch seinen Einsatz aus den Jahren nach 1950 begründet, in denen er versucht hat, Dichter wie T.S. Eliot mit Forschern zusammenzubringen, um den Platz zu bestimmen, den die Naturwissenschaft in der westlichen Kultur einnimmt.

Elfenbeintürme haben also ihre Qualität und ihren Nutzen. Doch abgesehen davon ist klar, dass das Wort selbst – eleganter „Elfenbeinturm“ - eine phantasie- und reizvolle Formulierung ist, die ein wohlgefälliges Bild im Hörer bzw. Leser weckt, und es darf vermutet werden, dass gerade das poetische Element dafür verantwortlich ist, das diese ungewöhnliche Charakterisierung des Genies so einprägsam macht. Tatsächlich liefert der „Elfenbeinturm“ auf diese Weise selbst einen Hinweis, wie Wissenschaft öffentlich zugänglich gemacht werden kann, nämlich durch ihre Verbindung mit der Poesie oder vielleicht noch allgemeiner mit der Kunst. In diesen Tagen ausgedrückt hat dies unter anderem Richard Dawkins, der in Oxford Professor „for the public understanding of science“ ist. In seinem neuen Buch „Unweaving the Rainbow“ schreibt Dawkins: „Science is poetic, ought to be poetic, has much to learn form poets and should press good poetic imagery and metaphor into its inspirational service.“

Der verlassene Elfenbeinturm

Bevor die Verbindung mit der Kunst und ihre Rolle für das öffentliche Verständnis der Wissenschaft zur Sprache kommt, soll es um die Frage gehen, ob das Bild vom Elfenbeinturm überhaupt seine Berechtigung hat, wenn die Naturwissenschaften ins Blickfeld geraten. Die Antwort darauf kann nur ein lautes und kräftiges „Nein!“ sein. Denn es waren doch gerade die Naturforscher des 19. Jahrhunderts, die sich konkret verantwortlich fühlten für die Menschen und deshalb nach Wegen suchten, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Die Zeit, in der das literarische Wort vom Elfenbeinturm aufgekommen ist, erlebte zugleich das Aufblühen der chemischen und der pharmazeutischen Industrien, und es ist abwegig, an dieser Stelle auch nur den Gedanken an gesellschaftlichen Rückzug und Abgeschiedenheit der Forschung aufkommen zu lassen.

Alexander von Humboldt
Alexander von Humboldt

 
Die Wissenschaft wurde damals nicht nur für die Menschen gemacht (und nicht ohne sie), sie wurde ihnen zugleich auch vorgestellt, und zwar unter anderem durch Alexander von Humboldt, der von seinen Kollegen verlangte, die Humanität, die ihre forschende Tätigkeit bestimmt, bis in die Sprache hinein erkennen zu lassen und ihren „Hauch des Lebens“ für das Publikum erfahrbar und erlebbar zu machen.

Der Elfenbeinturm, in dem sich die Wissenschaftler angeblich verschanzen, hat also bestenfalls in der Phantasie von Leuten bestanden, die sich von dem Gedankengut überfordert fühlten, das Physik, Chemie, Biologie und andere Disziplinen zutage gefördert hatten. Natürlich ist es nicht zu übersehen, dass viele spannende naturwissenschaftliche Einsichten spätestens seit den Zeiten von Isaac Newton nicht leicht eingänglich sind und oftmals dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Wer kann schon gut mit dem Begriff der Trägheit umgehen? Und wer fühlt sich in einem vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum zu Hause, das zudem gekrümmt sein soll? Doch die Frage, wie man diese (und andere) vor allem mit mathematischer (geometrischer) Hilfe gewonnenen Erkenntnisse über die materielle Welt so darstellen kann, dass sich die interessierten Laien – wörtlich verstanden – ein Bild davon machen können, ist bislang nicht ausreichend genug untersucht worden.

Der traditionelle Wissenschaftsjournalismus meint immer noch, es reicht, einige Forschungsergebnisse mit möglichst „einfachen Worten“ wiederzugeben, wobei sich dutzendweise schräge Sätze der Art finden: „Kanadische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass unterschiedliche Gene in Mäusen zur Aggressivität beitragen“ oder „Britische Forscher haben herausgefunden, dass man Glasfaserkabel als Lichtleiter verwenden kann, weil in ihrem Inneren ausschliesslich Totalreflexion auftritt.“

Erstens sind die berühmten einfachen Worte (wie Gen oder Licht) überhaupt nicht einfach – schliesslich versteckt sich in ihnen eine lange Geschichte des Denkens -, zweitens machen solche Häppchen der Information niemals so satt, dass man von einer ausreichenden geistigen Nahrung (einem Verständnis) für die betriebene Wissenschaft sprechen könnte, und drittens bleibt dieses Abschreiben doch da stecken, wo ein Resultat für die Öffentlichkeit anfängt, interessant zu sein. Nun kann es an dieser Stelle nicht um Einzelkritik an der gängigen Praxis der derzeitigen Wissenschaftsvermittlung gehen. Vielmehr soll auf den entscheidenden Fehler hingewiesen werden, und der lässt sich am besten durch die Lage des Elfenbeinturms beschreiben.

Der Elfenbeinturm im Kopf

Wenn man sich die Frage vorlegt, warum das historisch widerlegte Bild vom Elfenbeinturm sich trotzdem hartnäckig hält (und das potente poetische Moment nicht in Rechnung stellt), dann könnte die Antwort lauten, dass mit dem Begriff des Turms etwas dargestellt wird, das für mich äusserlich ist und dessen Zugang mir verwehrt bleibt. Irgendwie taucht bei „Turm“ immer das Bild eines Wachturms auf, der ein verbotenes Gelände kontrolliert, um die berühmten Unbefugten aus der Beamtensprache daran zu hindern, hier einzutreten. Tatsächlich ist die Wissenschaft den meisten Menschen äusserlich, was heisst, dass sie keine Beziehung zu ihr eingehen können und sich eher bedroht fühlen – wie durch einen Wachturm eben, der uns alle zu Unbefugten für die Wissenschaft macht.

An dieser Situation ändert sich natürlich nichts, wenn Wissenschaftler den Turm – sprich: ihr Laboratorium - verlassen (einmal angenommen, das Bild erfasst die Wirklichkeit), um sich nach draussen zu begeben. Sie können uns dann informieren, so viel sie wollen, der Elfenbeinturm bleibt äusserlich und die Situation damit unverändert (selbst wenn wir alle Informationen einzeln erfassen). Wenn man ein „public understanding of science“ erreichen will, müssen nicht die Wissenschaftler den Turm verlassen, sondern die Sache muss umgekehrt ablaufen. Die Menschen vor dem Turm müssen einen Weg gezeigt bekommen, auf dem sie in ihn hinein gelangen können. Wie wäre es, wenn Wissenschaftsvermittler nach einem Weg suchen würden, auf dem die Öffentlichkeit in den Turm gelangen kann, um hier im Inneren die bislang äusserliche Wissenschaft betrachten zu können?

Dies wäre zwar schon ein Schritt in die bessere Richtung, aber er ist noch ein Stück von der richtigen entfernt, die im folgenden skizziert werden soll. Denn wenn jemand, der nicht selbst Wissenschaft treibt, in ein Forschungslaboratorium kommt, dann ist er zwar im Inneren eines Gebäudes, aber die Wissenschaft und das wissenschaftliche Denken selbst bleiben so äusserlich wie zuvor. Innen kann nie materiell gemeint sein. Es kann nur gedanklich verstanden werden, und das heisst: Nicht die Menschen müssen in das Innere der Wissenschaft gebracht werden, sondern die Wissenschaft muss ihren Platz im Inneren der Menschen bekommen. Erst dann, wenn uns das wissenschaftliche Denken so zu eigen geworden ist, dass wir den alten Elfenbeinturm aus dem Kopf werfen und die Wissenschaft dafür hinein holen können, sind wir auf dem richtigen Weg. In dem Fall darf man endlich von einem öffentlichen Verständnis für Wissenschaft sprechen.

Wie erreicht man dieses Ziel eines inneren Bildes von der Wissenschaft? Hier wird die Ansicht vertreten, dass die Antwort in der Verbindung zur Kunst steckt. Mit ihrer Hilfe kann die Wissenschaft eine Form bekommen, mit der die Wahrnehmung und die Erlebnisfähigkeit der Menschen angesprochen werden. Die Wirkung poetischer Bilder hat das Beispiel des Elfenbeinturms selbst bereits deutlich gemacht. Sie zu finden, wäre die Aufgabe der Menschen, die sich vorgenommen haben, für ein „public understanding of science“ zu arbeiten. Es reicht doch schon lange nicht mehr, nur die Ergebnisse wissenschaftlicher Publikationen in Fachblättern abzuschreiben und dieses Vorgehen als Wissenschaftsvermittlung zu deklarieren.

Die Ergebnisse der Forschung selbst waren in den sechziger Jahren interessant. Worauf es jetzt ankommt, ist den Menschen zu sagen, wo die Wissenschaft damit steht, und zwar in Hinblick auf mich selbst und meinen Platz im Weltbild der Wissenschaft. Wissenschaftsvermittlung – zum Beispiel in Form von Wissenschaftsjournalismus – muss versuchen, ein Abschreiben auf höherer Ebene zu sein, also eine Darstellung wissenschaftlich gewonnener Einsichten in einer Form, die der Öffentlichkeit das Erleben erlaubt, von dem Humboldt gesprochen hat. Wissenschaftliche Ergebnisse müssen nicht bloss übernommen werden. Sie müssen gestaltet werden, um eine wahrnehmbare Form zu bekommen, die Menschen innerlich betrifft. Erst wenn wir wissen, wie unsere Zeit den Dreiklang aus „Wissenschaft, Kunst und Humanität“ wieder hörbar machen kann, den Humboldt in seiner Zeit ertönen liess, gibt es ein „public understanding of science“.



  Weitere Artikel von Ernst Peter Fischer  
 
 
       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks