• Montag, 24.04.2017
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PERSÖNLICHKEITEN DES MONATS

Der Clown.

Spielend scheitern, um Erfolg zu haben.
Interview von Helmut Bachmaier
Der Clown - Spielend scheitern, um Erfolg zu haben.
© Claudia Knupfer 2014

Herr Berenbrinker, Sie leiten zusammen mit Ihrer Frau Jenny Karpawitz die Clownschule Tamala in Konstanz. Können Sie uns schildern, wie und wann die Idee zur Clownschule entstanden ist? Und was bedeutet „Tamala“?

Udo Berenbrinker: „Tamala“ ist von der Bedeutung her ein Wort aus dem Sanskrit. Es ist ein mythischer Baum, der immer mehr wächst und breiter wird. Mit diesem Bild ist schon etwas vorgegeben: Meine Frau Jenny Karpawitz hat Germanistik und Indologie studiert und hat viel mit Körperarbeit geprobt. Ich komme aus der anderen Richtung und bin klassischer Filmschauspieler. Wir haben uns 1980 auf einem Festival in Freiburg getroffen. Dort ist die Idee für eine erste Clownschule in Deutschland entstanden, und wenig später haben wir dann auch das erste Bühnenstück für einen Clown entwickelt.

Was ist heute die leitende Idee von „Tamala“?

Udo Berenbrinker: Erstens, dass man für die professionelle Clownsarbeit eine fundierte Ausbildung braucht. Das hat etwas mit der Tradition des Mittelalters zu tun, dort musste auch ein Narr sein Handwerk gelernt haben. Es reicht nicht, sich einfach eine rote Nase aufzusetzen…Zweitens: Ich behaupte heute, Komik kann man lernen, wenn man weiss, wie die Strukturen funktionieren. Man kann die Regeln der Komik so verinnerlichen, dass sie wieder aus dem Bauch heraus abrufbar sind. Man kann dann sogar die Freude auf Kommando aktivieren. „Tamala“ übernahm eine Vorreiterrolle in der Clownsausbildung und zeigt heute, dass es ein Qualitätsberuf ist. Für viele sind der Beruf des Clowns und die Humortherapie ein Wirtschaftsfaktor geworden.
Der Clown als Sinnbild ist für die Fähigkeit zum Scheitern

Sie haben bereits angedeutet, es gibt da die Philosophie des Clowns. Wie würden Sie diese charakterisieren?

Udo Berenbrinker: Für mich ist das vor allen Dingen, dass der Clown das Sinnbild ist für die Fähigkeit zum Scheitern. Es ist kein Drama, einmal zu scheitern. Unsere „Tamala“-Philosophie ist sehr geprägt von der indianischen Tradition. Dort heisst es, wer Medizinmann und Heiler werden möchte, sollte erst einmal in der Lage sein, alles - auch sich - in Frage zu stellen. „Du bist erst demütig und weise, wenn Du bereit bist, über dich lachen zu lassen.“

Wie ist das Verhältnis „Körper“ zu „Sprache“ in Ihrer Clownausbildung?

Udo Berenbrinker: Ich meine, dass Sprache nur 10% der Präsenz ausmacht. Wenn der Komiker die Sprache in sein Spiel hinein nimmt, besteht die Gefahr, dass alles in den Kopf gerät. Auf der Körperebene gibt es jedoch eine tiefere Verständigung. Daraus entwickelt sich eine bedeutsamere Kommunikationsstruktur.

Ist Ihr „Clown“ einer, der uns Lebenshilfe gibt? Ist er ein Therapeut?

Udo Berenbrinker: Er ist sozusagen der „Coach“ zum Scheitern. Seine Botschaft ist, dass man sich nicht in das Leiden verstricken sollte, sondern es ertragen kann, in dem man „neu“ denkt.

Und was steht hinter dieser speziellen Unerschütterlichkeit im Moment des „Scheiterns“?

Udo Berenbrinker: Ein Clown muss total in sich ruhen, er muss in seiner persönlichen Struktur ein sehr klar ausgebildeter Mensch sein. Er hat eine innere Freiheit entwickelt, die aber auch mit einer gewissen Einsamkeit einhergeht. Der Clown spielt das konventionelle Spiel von „Richtig“ und „Falsch“ nicht mehr mit.

Der Clown ignoriert also die verschiedenen Wahrheitswerte?

Udo Berenbrinker: Genau, es gibt keine Eindeutigkeit, und die Wahrheit ist viel verzweigt. Das ist wiederum auch der Baum, das Symbol von „Tamala“.

Man könnte dies auch mit einem Rhizom vergleichen?

Udo Berenbrinker: Stimme ich gerne zu.

Haben Sie ein entsprechendes Lebensmotto?

Udo Berenbrinker: Trotz Scheitern gut zu leben! In sehr schwierigen Lebenssituationen haben wir uns auf den Clown bezogen. In jenem Moment war das Scheitern zwar total da, es hat jedoch in der jeweiligen Krise Kräfte freigesetzt, die uns wieder herausgeführt haben.

Warum sollte ich im Alter noch eine Clown-Ausbildung machen oder Clownkurse besuchen?

Udo Berenbrinker: Der Clown ist nicht ans Alter gebunden: Clowns werden alle sehr alt (in der Regel weit über 80) und spielen dann auch noch. Das Clown-Sein hält körperlich, auf eine verspielte Art, fit und fördert die geistige Gesundheit, da ich als Clown und Komiker Verknüpfungen herstellen muss, die Ungewöhnliches kombinieren. Ich lege immer wieder neue Synapsen im Gehirn an.

Wer sich körperlich fit fühlt und auch bereit ist, daran weiter zu arbeiten, dem oder der kann ich empfehlen, in eine Ausbildungsklasse einzutreten, um mit jungen und älteren Kandidaten diesen Weg zu gehen und generationsübergreifend zu lernen. Gerade in Seniorenheimen und auf der Demenzstation werden gerne auch ältere Clowns genommen. Es ist eine tolle Herausforderung! Wir kennen viele, die kurz vor der Rente oder mit Rentenbeginn erst mit dieser Ausbildung begonnen haben und heute noch in einem Alter weit über 70 in Seniorenheimen oder auch auf Kinderstationen arbeiten.

SenLine hat einen Schwerpunkt: die ältere Generation. Wie stellen Sie sich das eigene Älterwerden vor? Was bedeutet für Sie in diesem Zusammenhang Humor und Demenz?

Udo Berenbrinker: Menschen mit Demenz können häufig nur noch eingeschränkt kommunizieren, verhalten sich – für uns – unverständlich. Den Angehörigen ist meist nicht zum Lachen zu Mute. Dennoch, es hat sich gezeigt, dass achtsamer Humor im Umgang nicht nur ein Türöffner sein kann, sondern auch hilft, kritische Situationen zu entschärfen.
Der Clown ist nicht ans Alter gebunden: Clowns werden alle sehr alt (in der Regel weit über 80) und spielen dann auch noch.

Humor ein Türöffner im Alltag?

Udo Berenbrinker: „Gesundheit!Clowns“ können das Verhalten von Demenzkranken verändern, da sie kein Ziel verfolgen, ausser der Begegnung selbst. Sie sprechen den Menschen mit einfühlsamem Humor auf der Gefühlsebene an. Es entsteht eine Brücke der Kommunikation. Dass dies auch im Alltag zwischen den Pflegenden und ihren demenzkranken Angehörigen möglich ist, wird immer offensichtlicher. Daher unser Seminar „Humor in der Pflege für Mitarbeiter und Führungskräfte“.

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  Der Clown - Spielend scheitern, um Erfolg zu haben.
Leitung der Clownschule Tamala:
Udo Berenbrinker und
Jenny Karpawitz.



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