• Montag, 20.11.2017
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ALTERSTHEMEN

Demographische Alterung.

Fixe versus dynamische Alterskonzepte
Von François Höpflinger
Demographische Alterung - Fixe versus dynamische Alterskonzepte
.
Die üblichen Messzahlen der demographischen Alterung vernachlässigen die Ausweitung der gesunden oder behinderungsfreien Jahre der Lebenserwartung. Rein demographisch gesehen, haben fixe Altersgrenzen zur Definition demographischer Alterung den Nachteil, dass sie nicht zwischen demographischen Verschiebungen der Altersstruktur aufgrund geringer Geburtenraten (‚demographische Alterung von unten‘) und Veränderungen der Altersstruktur aufgrund steigender Lebenserwartung älterer Frauen und Männer (‚demographische Alterung von oben‘) unterscheiden.

Aufgrund solcher Überlegungen schlug der amerikanische Demograph Norman Ryder (1975) einen dynamischen Indikator der demographischen Alterung vor: Statt die Grenze bei 65 Jahren festzulegen, ging er von einer dynamischen Altersgrenze aus. Er schlug vor, die Grenze dort zu ziehen, wo die restliche Lebenserwartung einer Populationsgruppe weniger als 10 Jahre beträgt. Dynamische Indikatoren demographischer Alterung entsprechen eher modernen sozialgerontologischen Vorstellungen, welche eine Gleichsetzung von fixem chronologischem Alter und individuellem Altern verwerfen.

In der Schweiz beispielsweise stieg nach üblicher Definition (alt = älter als 65 Jahre) der Anteil der Altersbevölkerung zwischen 1900 und 2010 von 6% auf 17%. Eine dynamische Definition der demographischen Alterung, die nur jene Population zur Altersbevölkerung zählt, die eine restliche (periodenspezifische) Lebenserwartung von weniger als 10 Jahre aufwiesen, vermittelt hingegen ein anderes Bild: Unter Berücksichtigung der verlängerten Lebenserwartung stieg der Anteil älterer Menschen - so definiert - zwischen 1900 und 2010 nur von 6% auf 9%.

Die nachfolgende Tabelle illustriert für ausgewählte europäische Länder die vorausgeschätzten Altersquotienten, wenn fixe oder dynamische Altersdefinitionen – basierend auf einer Restlebenserwartung von 15 Jahren und weniger – verwendet werden. Nach traditioneller und bevölkerungssoziologisch betrachtet sinnloser fixer Altersdefinition dürfte sich das Verhältnis zwischen Altersbevölkerung (65+) und erwerbsfähiger Bevölkerung (20-64) bis 2045-2050 in der Schweiz massiv verschlechtern, auf 48 ‚Alte‘ pro 100 Erwerbsfähige. Wird die voraussichtliche Erhöhung der Lebenserwartung einbezogen und der Beginn des ‚Alters‘ später angesetzt (bis 2045-2050 auf über 72 Jahre), ergeben sich deutlich niedrigere Altersquoten.


Fixe oder dynamische Altersdefinition zur Erfassung der demographischen Alterung
  Altersquote
bei fixer
Altersdefinition *
  Altersquote
bei dynamischer
Altersdefinition **
               
  2005-
2010
2025-
2030
2045-
2050
  2005-
2010
2025-
2030
2045-
2050
               
Deutschland 0.33 0.48 0.63   0.21 0.25 0.34
Frankreich 0.28 0.44 0.51   0.18 0.21 0.24
Grossbritannien 0.27 0.36 0.41   0.19 0.20 0.22
Italien 0.33 0.45 0.68   0.20 0.23 0.31
Schweden 0.30 0.40 0.44   0.19 0.23 0.23
Schweiz 0.27 0.41 0.48   0.15 0.18 0.24
               
* Fixe Altersdefinition (Verhältnis Bevölkerung 65+/Bevölkerung 20-64)
(engl.: old-age dependency ratios).

** Prospektiver Altersquotient (Anteil Personen in Altersgruppen mit Restlebenserwartung von 15 Jahren und weniger/Bevölkerung im Alter von 20 Jahren und mehr mit Restlebenserwartung von mehr als 15 Jahren) (engl. prospective old-age dependency ratios).
Quelle:
Sanderson, Warren C.; Scherbov, Sergei (2010) Remeasuring Aging, Science, Vol. 329: 1287-1288.


Es wird jedenfalls deutlich, dass Indikatoren der demographischen Alterung, welche nicht von fixen (und veralteten) Altersgrenzen ausgehen, die Vorstellung einer sich rasch alternden Gesellschaft relativieren. Dass die demographische Alterung – weil einseitig erfasst – teilweise eine reine Fiktion ist, ist speziell auch bei bevölkerungssoziologischen Diskussionen möglicher gesellschaftlicher und sozialpolitischer Folgen einer ansteigenden demographischen Alterung zu berücksichtigen.


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