• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Das weibliche Gehirn

Untertitel
Von Brigitte Stemmer
Das weibliche Gehirn
© Hirnnetzwerke, Nervenfaserverbindungen nach Ingalhalikara M. et al.,Sex differences
in the structural connectome of the human brain, 2014, und Brigitte Stemmer.
Mögen solche Aussagen heute auch absonderlich klingen, so zeigen sie doch, dass das Heranziehen von Charakteristika des Gehirns zur Erklärung psychologischer Konstrukte und von Geschlechtsunterschieden keineswegs neu ist. Im 18. und 19. Jahrhundert erforschte man das Gehirn vor allem mit Messen, Wiegen und Untersuchen der anatomischen Struktur nach dem Tod. Geschlechtsspezifische Unterschiede wurden bei der Grösse der Frontallappen, der Hirnwindungen und Hirnfurchen beschrieben und als Argument für die Unterlegenheit des weiblichen Gehirns herangezogen.

Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken

Vor allem die Auslegung funktioneller und anatomischer Geschlechtsunterschiede im Sinne der Unterlegenheit der Frau führte in den 60er und 70er Jahren im Zuge der Frauenbewegung zu einer fast dogmatischen Negierung jeglicher Unterschiede. Die spätere Verflechtung von Erkenntnissen der Psychologie mit denen der Neurowissenschaften widerspricht jedoch diesem Dogma.

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Geschlechtsspezifische Verhaltens- unterschiede werden wissenschaftlich belegt und mit bestimmten Gehirnarealen und dort ablaufenden Prozessen zu erklären versucht. Diese Erkenntnisse werden publikumswirksam ausgeschlachtet und Behauptungen wie: «Frauen parken schlecht ein», «Männer hören nicht zu»; «Frauen sind einfühlsamer», «Männer rechnen besser»; «Frauen können besser reden», «Männer besser einen Stadtplan lesen» avancieren auf die Titelseite selbst seriöser Zeitschriften. Der Grund? Frauen und Männer seien im Gehirn anders «verdrahtet» (hardwired).

Eine kürzlich veröffentlichte Studie in der renommierten Wissenschaftszeitschrift PNAS scheint dies zu bestätigen: Bei Frauen sind die beiden Hirnhälften durch mehr Faserverbindungen verknüpft als bei Männern, während Männer mehr Faserverbindungen innerhalb einer Hirnhälfte aufweisen. Dieser Unterschied in der Verdrahtung könnte erklären, warum Männer besser Karten lesen und Frauen besser Gespräche behalten können, interpretierten daraufhin verschiedene Medien.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Auch wenn die Gehirne von Männern und Frauen relativ ähnlich sind, so gibt es in der Tat einige systematische Unterschiede in der anatomischen Struktur, der physiologischen Funktionsweise und in der Entwicklung. Beispielsweise haben Männer durchschnittlich ein ca. 8 % höheres Gehirnvolumen und 16 % mehr Gehirnnervenzellen, möglicherweise aufgrund unterschiedlicher Körpergrösse und unterschiedlichen Wachstums.

Mädchen erreichen ihren Höchstwert an Hirnvolumen ca. 4 Jahre vor dem der Jungen. Weiterhin werden kleinere anatomische Unterschiede in einzelnen Hirnbereichen diskutiert. Beispielsweise sind Hirnstrukturen, die beim Lernen und bei bestimmten Gedächtnisaspekten eine Rolle spielen, beim weiblichen Geschlecht grösser als beim männlichen. Auch Strukturen, die mit emotionalem Verhalten assoziiert werden, sind bei Frauen grösser. Ob und welche Implikationen solche Grössenunterschiede für das Verhalten haben, das ist jedoch keineswegs klar. Deutliche Unterschiede findet man auch bei der Häufigkeit, mit der einige Erkrankungen oder Störungen auftreten. So beobachtet man Stottern, Lesestörungen und Autismus deutlich häufiger bei Männern. Die Schizophrenie tritt bei beiden Geschlechtern gleich häufig auf, hat jedoch bei Männern einen früheren Beginn als bei Frauen und äussert sich bei beiden Geschlechtern mit unterschiedlichen Symptomen.

Unterschiede im Gehirn = Unterschiede im Verhalten?

Obwohl geschlechtsspezifische Unterschiede im Verhalten und im Gehirn dokumentiert sind, heisst das nicht, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Hirnstruktur und dem Verhalten bestehen muss.

Beim Weltwirtschaftsforum Anfang 2014 in Davos waren 16 % der Delegierten Frauen. Kann die Unterrepräsentation der Frauen in diesen und andern Lebensbereichen auf die Erklärung reduziert werden, dass das «weibliche Gehirn» anders verdrahtet ist und daher anders tickt? Wohl eher nicht. Auch heisst grösser nicht immer besser. So haben Männer im Durchschnitt beispielsweise eine grössere Nase oder ein grösseres Herz als Frauen, ohne dass das heisst, Männer können besser als Frauen riechen oder lieben. Dennoch können wir nicht ignorieren, dass sich die Geschlechter hinsichtlich bestimmter kognitiver (und anderer) Verhaltensmuster unterscheiden. Beispielsweise ist das männliche Geschlecht bei bestimmten (aber nicht allen) räumlichen und mathematischen Fertigkeiten dem weiblichen Geschlecht überlegen und das weibliche Geschlecht bei einigen (aber nicht allen) verbalen Fertigkeiten oder Gedächtnisaspekten dem männlichen. Das heisst aber nicht, dass solche (und andere) Unterschiede allein durch Unterschiede im Gehirn determiniert sind. Genetik, Hormone, Umwelt und Erfahrung sind die Variablen, die auf unser Gehirn einwirken und zu unserem Verhalten beitragen.

Wissenschaftliche Daten werden häufig überinterpretiert, fehlinterpretiert, zu simpel dargestellt oder kritiklos rezipiert. So hat die Wissenschaft in den letzten Jahren gezeigt, dass weder mein weibliches noch Ihr männliches Gehirn «fest» verdrahtet («hard»wired) ist, sondern glücklicherweise die Fähigkeit besitzt, sich lebenslang zu verändern – und das auch noch im Alter.


[Quelle: „Impulse“ 2014. Feminisierung des Alters , S. 6-8. Mit einem Dank für die Genehmigung des Abdrucks an die Tertianum Gruppe]



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