• Freitag, 24.02.2017
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FILME

Das pralle Leben nach der Pensionierung

Der wunderbare Schweizer Dokumentarfilm „Falten“
Von Hanspeter Stalder
Falten
© Häselbarth Film und Verleih GmbH
Hinter ihren Falten verbirgt sich ein langes Leben. Ein Leben voller Glück, Leiden, Genuss und Verzicht. Der Malermeister Fredy Frey und die Lehrerin Ruth Frey, die Künstlerin Monica von Rosen, die Bewegungspädagogin Rita Maeder-Kempf und der Trödler Urs Wydler blicken besinnlich und auch mit einem Schmunzeln zurück und erzählen, ob sie im Leben die waren, die sie sein wollten. Sie nehmen uns ein Stück mit auf ihren Lebensweg und schildern, was ihr Leben geprägt hat, was sie bereuen und was sie nie vergessen werden, wie sich ihr persönliches Altsein anfühlt und warum es sich lohnt, alt zu werden.

Die fünf Protagonisten leben vor, wie sie sich weiter entfalten und sich ihre nahe Zukunft vorstellen, gleichzeitig aber auch loslassen und stetig Abschied von Geliebtem und Gelebtem nehmen müssen. So denken sie über ihre Zukunft und ihre Vergangenheit nach, jeder auf seine Art. Worin sich aber alle einig sind, ist, im Alter die Freiheit zu haben, nichts mehr zu müssen. Mit einer gewissen Gelassenheit nichts mehr beweisen zu müssen, nicht mehr stark und nicht mehr schön sein zu müssen, sich frei zu fühlen und stets sagen zu können, was man gerade denkt, ohne auf Konsequenzen achten zu müssen. Diese Freiheit ist ein Genuss. Was wird bleiben und was wird gehen, wenn Menschen wie die fünf Protagonisten die Welt verlassen? Und ist es für die Menschen, die gehen, überhaupt wichtig, zu wissen, was von ihnen bleibt und was die Nachgeneration darüber denkt? Das und viel Anderes vernehmen wir in diesem konzeptuell und formal gelungenen Dokumentarfilm.

Nachfolgend aus ihren spontanen, ehrlichen, klugen, mutigen, frechen, weisen Aussagen über das Altern und das Alter, wie sie es erleben, einige Ausschnitte:
Fredy Frey (80) und Ruth Frey (68)
Fredy Frey, 80
«Längerfristig kann ich ja nicht mehr planen. Bald werde ich 80 und je nach dem gibt es mich dann noch. Jedenfalls werde ich weiterarbeiten, bis ich vom Stängeli oder von der Malerleiter falle. Das ist mein Ziel. Solange ich beweglich bleibe, habe ich keine Angst vor dem Alter. Du kannst dein Leben nicht verlängern, du kannst es nur vertiefen und das bis ins hohe Alter. Nochmals auf die Welt kommen? Vielleicht auf einem neuen Planeten, sodass ich etwas Neues sehe.»

Ruth Frey, 68
«Anfangs hatte ich Mühe mit der Pension. Dann begann es mir zu gefallen, meine Zeit nach Lust und Laune einteilen zu können. Momentan aber muss ich echt aufpassen, nicht in den Pensionierten-Stress mit einem vollen Terminkalender zu kommen. Manchmal beschleicht mich eine Traurigkeit bei der Erkenntnis, nicht mehr gleich schnell, leistungsfähig und effizient wie in jungen Jahren zu sein. Ich empfinde eine grosse Dankbarkeit, dass ich so gesund, unternehmungslustig und aktiv ins Alter gehen kann. Vor allem mit den Kindern in der Schule fühle ich mich jung und glücklich. Wie die vier Jahreszeiten haben auch die verschiedenen Lebensabschnitte ihre Berechtigung, ihr Schönes und Lehrreiches, und man möchte sie nicht missen.»
Monica von Rosen (73)
Monica von Rosen, 73
«Alt werden macht mich neugierig, es fühlt sich gut an, abgesehen davon, dass ich den Eindruck habe, schneller müde zu werden. Du hast den ganzen Tag Zeit, dich zu entfalten. Sich zu entfalten ist was ganz anderes, als faltenlos zu leben. Hey, es ist mein Leben, ich muss nicht sparen, ich muss nicht vernünftig sein, ich brauch nicht den Onkel Doktor im Nebenhaus, sondern ich zieh nochmals los und ich mach genau, was ich will. Der Tod ist für mich überhaupt nichts Erschreckendes. Er ist für mich ein gutes Gefühl, er kommt eines Tages, und ich bin neugierig wie ein Kind, was passieren wird. Aber ich denke, dass unser Denkvermögen nicht dafür gemacht ist, den nächsten Schritt irgendwie zu erahnen.»
Urs Wydler (73)
Urs Wydler, 73
«Ich habe gesellschaftlich nicht viel erreicht, aber das ist mir auch nicht so wichtig gewesen in meinem Leben. Ich bin sehr glücklich gewesen, und ich weiss, wie das ist. Jetzt ist es ein wenig anders, jetzt schwankt es, aber man muss es immer nehmen, wie es kommt. Einfach mich sein können und atmen, fühlen und immer noch einen wachen Sinn haben, das ist mir wichtig. Am Schluss bleibt das wichtig, dass man sagen kann: Ich habe gelebt. Der Lohn vom Altwerden ist doch einfach der, dass man zufrieden wird, dass man hat alt werden können.»
Rita Maeder-Kempf (82)
Rita Maeder-Kempf, 82
«Ich habe eigentlich alles bekommen, was so an Wünschen da gewesen ist. Ich erschrecke immer, wenn von 82-jährigen Frauen die Rede ist, dann muss ich immer sagen: Ouu, das bin ich ja auch. Also, wenn ich nichts mehr zu tun hätte, alleine zu Hause wäre und in meinem Lehnstuhl sitzen müsste, dann würde ich schon denken: Jetzt bist du alt. Braucht dich ja niemand mehr. Ich hoffe, wenn unsere Generation geht, bleibt euch die Erinnerung an uns Ältere, dass wir gelassener sein konnten, dass wir noch Freude hatten, von Hand einen Brief zu schreiben, dass es noch etwas anderes gibt als das Handy und wie das alles heisst.»


Silvia Häselbarths Motivation, diesen Film zu drehen ...

«Der Film „Falten“ ist entstanden, weil ich mich persönlich mit dem Altsein und dem Altwerden auseinandersetze. Ich werde bald selbst 50 Jahre alt und habe Eltern, die langsam gegen die 80 Jahre gehen, was mich erschreckt, denn Eltern dürfen ja eigentlich nie altern. Zumindest dachte ich das bis anhin etwas naiv. Aber das Leben steht nicht still, und die Jahre gehen vorbei, ob man dies nun so will oder nicht. Ich jedenfalls sehe meine alternden Eltern heute so, wie sie früher waren: jung, frech, aufbrechend, wild und auch zukunftsgerichtet. Aber für Aussenstehende sind sie einfach nur ein Rentnerpaar, das in die Jahre gekommen ist. Wie denken meine Eltern selbst darüber - und wie geht es alten Menschen überhaupt beim Altern?

Auf diese Fragen wollte ich Antworten. So zog ich los und fragte Menschen, die zwischen 70 und 90 Jahre alt sind, wie sich ihr persönliches Altsein denn so anfühle. Ich rief Menschen in fortgeschrittenem Alter, die ich kannte, an und lud mich sozusagen selbst zu einem Kaffee bei ihnen ein.»
Der Film „Falten“ läuft auf dem Land (am 12. Februar 2016 in Herisau und Sarnen gestartet) und erst danach in den Städten. Unter www.film-falten.ch sind die aktualisierten Aufführungsorte und -daten zu finden.

... und meine Anmerkungen

„Falten“ ist für mich ein grossartiges künstlerisches Puzzle zum Thema Alter und Altern, über das ich sonst noch in keinem Film so viel Wertvolles und Unterhaltendes erfahren habe. Silvia Häselbarth ist mit den Porträts und Landschaften (Kamera Peter Appius), der Musik (Alexander T. Faehndrich), die begleitet, und der Montage, die ordnet, ein wunderbarer Film gelungen. Der Film erzählt nicht nur die Lebensgeschichte von fünf alten Männern und Frauen, sondern beschreibt gleichzeitig als Zeitzeuge eine Epoche, die heute schon viele nicht mehr kennen. Im Gegensatz zur Wissenschaft, die statistische Durchschnittswerte über das Alter erbringt, begegnen wir im Film Einzelpersonen, denen wir persönlich nahekommen. Eine weitere Qualität dieses unterhaltsamen Dokumentarfilmes ist, dass er fragmentarisch bleibt und nicht abzurunden versucht, womit er einlädt, die Geschichten selbst zu ergänzen.

In diesem Oeuvre sind Schätze der Zwischenmenschlichkeit zu entdecken, die, weil wir ein Leben lang altern, ausnahmslos alle, Alte wie Junge, betreffen. Der Film skizziert Lebensentwürfe aus der Vergangenheit, in der Gegenwart und für die Zukunft, in einer faszinierenden Vielfalt und immer wieder mit leisem Humor aufgelockert. Die Männer und Frauen sprechen zu uns, lösen Reaktionen aus, fordern heraus, ohne jedes Besserwissen und Urteilen, auf eine liebenswürdige und sympathische Weise.

Wenn diese Menschen am Schluss bei Wein und Snacks am Seeufer sitzen und miteinander plaudern, möchte ich mich am liebsten zu ihnen hinsetzen – so nahe sind sie mir gekommen.



Video-Trailer

Regie: Silvia Häselbarth
Produktionsjahr: 2016
Länge: 88 Minuten
Verleih: Häselbarth Filmproduktion GmbH


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