• Donnerstag, 24.08.2017
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Darknet. Freiheit und Verbrechen im Internet

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Von Tatiana Sfedu
Darknet. Freiheit und Verbrechen im Internet
© wikimedia.org
Viel wird in letzter Zeit wieder über das ominöse „Darknet“ diskutiert seit bekannt wurde, dass der Münchner Amokläufer dort seine Waffe beschafft hatte. Dieses digitale Netzwerk ist ursprünglich ein verschlüsselter Bereich zum anonymen, zensurfreien Informationsaustausch und nicht über herkömmliche Suchmaschinen zugänglich.

Mitte der 1990er-Jahre wurde diese Tarnkappe für Internetsurfer der US-Marine entwickelt, die ihre Kommunikation im Netz gegen Spionage schützen wollten. Über Browser, die aus dem Clearnet herunter geladen werden können, ist es mittlerweile jedoch auch kriminellen Organisationen und Personenkreisen möglich, ihre Informationen zu verbreiten.

Ist das Darknet eine Bedrohung für die Gesellschaft?

Wie soll die Gesellschaft nun auf Nachrichten über illegalen Waffenhandel, bedrohliche Islamisten, unberechenbaren Terror oder Kinderpornographie im Darknet reagieren?

Ein Resultat der aktuellen Medienpräsenz dieses Themas ist ironischerweise die detaillierte Anleitung für Unkundige, sich Zugang zum Darknet zu verschaffen. Hierfür wird beispielsweise der sogenannte Tor-Browser benötigt, um in das Tor-Netzwerk zu gelangen. Jeder kann ihn sich über das Clearnet herunterladen und damit dort schon einmal anonym herumsurfen.
Darknet - Funktionsweise
Und das geht so…
  1. Über einen Client (ein Gerät, das Dienste von einem Server abruft), den ein Anbieter einer Website mit sensiblen Informationen installiert hat, kann dieser eine Verbindung mit dem Tor-Netzwerk erstellen.
  2. Im Anschluss wird eine Liste aller vorhandenen und nutzbaren Tor-Server herunter geladen, über die der Client eine zufällige Route wählt.
  3. Hierbei findet die Verbindung zum ersten Tor-Server verschlüsselt statt und wird um jeden weiteren Tor-Server verlängert.
  4. Für den Zugang zum eigentlichen Darknet ist die Kenntnis spezieller Domains mit der Endung .onion (Zwiebel) nötig.
  5. So kann ein User (Sender) anonym Verbindung zu einem Anbieter (Empfänger) aufnehmen, indem er diesem einen bestimmten Rendezvous-Punkt vorschlägt. Der Anbieter entscheidet schliesslich, ob er die Anfrage akzeptiert und die anonyme Kommunikation stattfinden kann.
  6. Sender und Empfänger können sich hierbei nicht gegenseitig identifizieren.
  7. Die gesendeten Datenpakete werden so von Server zu Server verschlüsselt weiter gegeben, wobei eine Ende-zu-Ende Verschlüsselung dafür sorgt, dass die Daten der Server nicht abgefangen werden können.

Es wird nun gefordert, diese Insel der Rechtlosigkeit zu beseitigen, denn viele trieben und treiben dort anonym ihr Unwesen. Beunruhigend sei, dass niemand zur Rechenschaft gezogen werden könne, da weit und breit keine Instanz existiere, die über Verträge wache oder Straftaten ahnde. Sollte man tatsächlich juristisch gegen das Darknet vorgehen?

Verbote?

Linus Neumann vom Chaos Computer Club (CCC) meint Nein, denn das Bedrohungsszenario, das oft gezeichnet würde, sei nicht realistisch. Gerade Drogen- und Waffenhandel werden ausserhalb des Internets umfangreicher betrieben als in anonymen Netzwerken, obwohl das Darknet vor allem als Umschlagplatz für Drogenhandel genutzt wird. Auch Finanzkriminalität spielt dort eine grosse Rolle. Den gedungenen Auftragskiller hingegen sucht man vergeblich. Im Hinblick auf kinderpornographisches Material, zu dem das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) 2013 insgesamt 4317 Hinweisen erfasst hat, führte nur in neun Fällen der Link ins Darknet.

Das BKA ist gut über die Aktivitäten im Verborgenen informiert, denn es ist seit 2013 selbst im Darknet unterwegs. BKA-Präsident Holger Münch verfolgt hierbei das Ziel, technisch auf dem neuesten Stand zu sein, um mit der Entwicklung im verschlüsselten Teil des Internets Schritt halten zu können.

Es stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis legale und illegale Handlungen im Darknet zueinander stehen? Trotz rückläufiger Internet-Straftaten, sei die Gefährdung zwar nicht geringer geworden, so Münch, zumal sich die Straftäter immer professioneller den aktuellen Gegebenheiten anpassten und ihre Handlungsweise verfeinerten. Den Ermittlern komme jedoch immer wieder zugute, dass nicht alle Straftäter versiert seien und Fehler bei der Nutzung des Darknets machten. Auf diese Weise können Kriminelle immer wieder aufgedeckt werden. Die Täter neuen Typs kommen im Übrigen nicht mehr aus dem „Milieu“. Sie setzen sich an ihren Computer und ziehen ihren internationalen Drogenversandhandel wie ein Start-up auf.

Die lichte Seite des Darknet

Dennoch, gut ein Drittel der Aktivitäten im Darknet werden von Forschern als legal eingestuft. Nicht einmal vier Prozent des Datenverkehrs betreffen hierbei die oft anstössigen versteckten Dienste. Entgegen der populären Meinung, tummeln sich dort nämlich nicht ausschliesslich Gestalten mit unlauteren Absichten. Vor allem Journalisten, Regimekritiker, Menschenrechtsorganisationen, Whistleblower und Menschen, die sich aus anderen Gründen schützen müssen, nutzen verschlüsselte Netzwerke, da das Darknet ein Bereich ohne Zensur und Überwachung ist. Folglich ist es ein sicherer Ort, um untereinander zu kommunizieren, gegen Missstände zu protestieren und im Untergrund vorzugehen.

Die Tor-Entwickler selbst sind keine erfinderischen Kriminellen, sondern ebenfalls Aktivisten, die ihren Browser als wichtiges Werkzeug verstehen, das Menschen in Ländern mit zensiertem Netz ermöglicht, Privatsphäre und sichere Kommunikation zu gewährleisten. Für Journalisten und Blogger, die aus Krisengebieten berichten oder für Menschenrechtsaktivisten, die sich in Ländern ohne Presse- oder Meinungsfreiheit bewegen, bedeutet dies, einer Freiheits- oder der Todesstrafe entgehen zu können.

Linus Neuman ist überzeugt, dass die Darknet-Kriminalität gerade deshalb zu solch einer grossen Debatte führte, weil man in einer relativ freien Gesellschaft lebt. In restriktiven Ländern sind die User leicht geneigt, ihre Kommunikation ins Darknet zu verlegen, um sie zu schützen, es gehört zu ihrem Alltag. Jeder Mensch hat ein Recht auf anonyme Kommunikation, es gibt ja auch das Briefgeheimnis. In einer freien Gesellschaft sollte es auch Orte wie das Darknet geben, wo Whistleblower Missstände aufdecken können.


Quellen:
  • Markus Böhm, Angela Gruber und Teresa Sickert, Kriminalität im Netz: Das Darknet ist besser als sein Ruf, www.spiegel-online vom 30.07.2016, Stand 29.08.2016.
  • Manfred Dworschak, Steffen Winter, Der Prinz des Darknet, www.spiegel-online vom 14.08.2015, Stand 02.09.2016.
  • Dominik Hayon, Drogen, Pornos und Gewalt: So kriminell ist das Darknet wirklich, www.chip.de vom 05.02.2016, Stand 29.08.2016.
  • Uli Ries, Wegweiser durch das Darknet, www.chip.de vom 17.08.2016, Stand 02.09.2016.
  • Schritthalten mit dem Darknet, www.deutschlandfunk.de vom 27.7.16, Stand 29.08.2016.


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