• Dienstag, 26.09.2017
Print

FINANZPLATZ

Bischof oder Börsenanalyst

Von Willy Burgermeister  
  Bischof oder Börsenanalyst
© bz-Berlin.de
Viele Menschen zweifeln an einem Bischof, aber sie vertrauen blind den Börsenanalysten. Wie bedrohlich ist ein Bischof für ihr eigenes Leben? Und wie viel Schaden kann ein Börsenanalyst anrichten? (John N. Gray, britischer Philosoph).


Die Aktienmärkte feiern und träumen, trunken in rauschender Liquidität, einer rosigen Zukunft entgegen. Was soll denn da noch schief gehen? Die Weltwirtschaft scheint sich, wenn auch mühsam, aufzurappeln, keine Spur unbekömmlicher Teuerungsschübe, Geld bleibt billig, und Gold wird zurückgebunden. Der Appetit nach Risiko in einem scheinbar risikolosen Umfeld lässt sich kaum dämmen. Sorglosigkeit breitet sich aus. Die Armut schrumpft. Als Anleger aalen wir uns in Glückseligkeit. Wirklich? Eine irreführende Sicherheit lullt uns ein, macht uns träge und vernebelt unsere Aufmerksamkeit. Unter der Oberfläche brodelt, zischt und raschelt es bedenklich.

Zeit wird verspielt

Die Börsen rund um den Globus tanzen ausgelassen auf der „Notenbank-Party“, statt sich auf realwirtschaftliche Wertmassstäbe einzustellen. Seit Ausbruch der Krise 2007 verstricken sich Zentralbanken und Regierungen in einer Politik, die mehr verwirrt als klärt. Die führenden Währungshüter rechtfertigen ihre Politik damit, Zeit zu gewinnen, um die schwelenden Brandherde auszulöschen. Das Gegenteil ist wahr. Zeit wird verspielt, und die Notenbanken fügen sich in die bizarre Rolle biegsamer Erfüllungsgehilfen einer Politik, die sich kaum willens zeigt, aus dem Teufelskreis der Schulden auszubrechen.

Nach fünf Jahren kellertiefen Zinsen, gähnenden Haushaltslöchern, Billionen von Wertschriftenkäufen der europäischen und amerikanischen Notenbank und zahllosen stimulierenden Massnahmen dümpelt die Weltwirtschaft mehr schlecht denn recht dahin. Wir alle wissen zwar, die Politik des billigen Geldes kann nicht verewigt werden. Doch niemand weiss, was auf uns zurollt, sollte dieser trügerische Segen eingefroren oder gar zurückgedreht werden. Mit Blick auf die Finanzmärkte frage ich mich, ob unsere Notenbanken überhaupt noch in der Lage sind, die Zinsen nachhaltig zu straffen. Die weltumspannenden Ungleichgewichte werden nicht beseitigt. Die Grossmächte setzen vermehrt auf Macht und weniger auf Recht. Schliesslich wurden die als „too-big-to-fail“ eingestuften Finanzinstitute noch mächtiger. Dazu der fatale Hang, Geld zu borgen, das man nicht hat.

Multipolare Welt

Wir durchqueren eine Zeit atemloser Veränderungen. Auf Nichts scheint mehr Verlass. Die Welt, die nach 1945 um die USA herum geschneidert wurde, wird nun durch eine multipolare, weit weniger strukturierte und chaotischere, internationale Gesellschaft abgelöst (so der Historiker Harold James). Der unterschwellige Glaube, Zentralbanken könnten politische Reformen initiieren, führt in die Irre. Notenbanken erweisen sich weder als vorsorgliche Wirtschaftsplaner, noch sollten sie sich als waghalsige Zauberlehrlinge aufspielen. Die wiederkehrenden Notlagen entlarven sich als nichts anderes, als die Folge unzähliger Versuche, die Konjunktur mit verschwenderischen Krediten aufzumöbeln. Nicht vergessen dürfen wir, dass in der stetig auf uns einprasselnden Informationstechnologie tiefgreifende Strukturbrüche angelegt sind. Diese Technologie wächst zur Bedrohung heran und krempelt unsere Denkweise grundlegend um. Sorgen bereiten Industriespionage, das Eindringen in die Privatsphäre und die Internetkriminalität.


  Schulden Deutschland  
  © forum.finanzen.net  

Interessengegensätze

In der EU geht es jetzt um die entscheidende Frage: Wer entscheidet – und wer zahlt? Die Interessen der Länder klaffen weit auseinander, und ein gemeinsamer Nenner lässt sich nur schwer finden. Diesen aber benötigt die Gemeinschaft dringend, um die Herausforderungen der Zukunft meistern zu können. Zwei Drittel der Afrikaner sehnen sich nach einem Leben in Europa. Immer neue Flüchtlingsströme versuchen, das gelobte Land zu erreichen. Euro-skeptische und ausländerfeindliche Parteien gewinnen an Zulauf. Wem die EU noch am Herzen liegt, muss sie so umbauen, dass sie auf mehr Zustimmung stösst. Doch statt entschlossen die Reihen zu schliessen, misstrauen und beneiden sich die Staaten. Also: Europa kann nicht bleiben, was es heute ist.

Amerikanische Staatsverschuldung

Und in der Haushaltsdebatte der USA? Hier geht es nicht um wild gewordene Tea-Party-Politiker, sondern um eine wild um sich greifende Staatsverschuldung. Im Mittelpunkt dieses trostlosen Budgetgerangels stehen heikle Fragen: Strebt der US-Bürger nach mehr oder weniger Staat, mehr oder weniger Schulden? Können die USA - als Währungsanker der Weltwirtschaft - ihre Aufgaben noch förderlich wahrnehmen, wenn innenpolitischer Zank die Zahlungspflicht gegenüber internationalen Kreditgebern aushöhlt? Die Geld- und Fiskalpolitik Amerikas droht, das weltweite Wirtschaftswachstum auszuhebeln.

Amerika verschuldete sich in wenigen Jahren wie nie ein Staat zuvor. Die Dimension der US-Schulden sprengt jegliche Vernunft. Niemand glaubt ernsthaft, dass diese jemals zurückbezahlt werden, und jeder geht davon aus, dass es irgendwann furchterregend krachen wird, doch alle tun so, als wäre das kein Problem.

Und Japan?

Japan ist eines der reichsten Länder der Erde – aber auch eines der verzagtesten. Was geschieht, wenn sich in überalternden Gesellschaften der Pessimismus einnistet? Die Notenpresse alleine kann die Lethargie nicht besiegen. Die Deflation mit ihren leicht sinkenden Preisen bestimmt seit Jahren das Denken und den Unternehmeralltag. Vor wegweisenden Reformen in der verkrusteten Binnenwirtschaft schreckt die japanische Politik mutlos zurück. Schliesslich sind es die Alten, die wählen gehen. Und die scheuen Veränderung. Aussitzen und Durchwursteln genügen nicht, die Komplexität und wirtschaftliche Stagnation unserer Zeit zu durchbrechen.


  Weitere Artikel von Willy Burgermeister  
 
 

 
       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks