• Freitag, 22.09.2017
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PERSPEKTIVEN

Begeisterung – die Kraft, die Berge versetzt

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Von Tatiana Sfedu
Begeisterung – die Kraft, die Berge versetzt
© wiki.yoga-vidya.de
Menschen, die sich begeistern können, faszinieren. Wenn sie über das reden, was ihre Leidenschaft ist, beginnen ihre Augen zu strahlen. Aus ihnen leuchtet diese ganz eigene Energie, die nur aus echter Begeisterung für einen persönlichen Traum heraus entsteht. Dabei handelt es sich um eine Emotion, der die Kraft immanent ist, Berge zu versetzen und Ziele leichten Fusses zu erreichen. Je brennender einen Menschen bestimmte Dinge interessieren, je sinnvoller sie ihm erscheinen und je stärker die Übereinstimmung zwischen Herz und Kopf ist, desto begeisterter ist er. Es ist die besondere Art dieser Emotion, die Menschen erfolgreich macht.

Mit Geist erfüllen

Das Verb „begeistern“ drückt im Grunde genommen bereits aus, wo der Ursprung dieser Emotion zu suchen ist, nämlich im Geist, also im Kopf. Etymologisch betrachtet, ist es ein im 17. Jahrhundert zu „Geist“ gebildetes Präfixverb. Ursprünglich bedeutete es „mit Geist erfüllen“ im Sinne von „beseelen“ und „beleben“. Das Substantiv „Begeisterung“ verbreitete sich schliesslich während des 18. Jahrhunderts und entwickelte sich gemäss Duden zur heutigen Bedeutung eines „Zustandes freudiger Erregung, leidenschaftlichen Eifers; von freudig erregter Zustimmung, leidenschaftlicher Anteilnahme getragener Tatendrang; Hochstimmung (…)“.

Häufig wird Begeisterung auch mit Enthusiasmus gleichgesetzt, einem Begriff aus der griechischen Antike «enthousiasmós», der eine göttliche Inbesitznahme umschrieb. Enthusiasten waren von Gott besessene oder durch eine göttliche Eingebung inspirierte Personen. Hatte Enthusiasmus zunächst eine religiöse Konnotation, bezeichnet das Wort im heutigen Sprachgebrauch dagegen den emotionalen und persönlichen Einsatz für eine Sache, ein mehr als durchschnittliches, intensives Interesse auf einem speziellen Gebiet oder die besondere Mühe, mit der man bestimmte Ziele verfolgt.

Welche Rolle spielt das Gehirn dabei?

Begeisterung äussert sich jedoch nicht nur im Verhalten, es ist auch ein biologischer Prozess. Neurowissenschaftlichen Studien zufolge aktiviert Begeisterung im menschlichen Gehirn die emotionalen Zentren. Zu dieser Erkenntnis kommt der Biologe und Autor Gerald Hüther, dessen Fachgebiet die angewandte Neurobiologie ist. Evident ist, dass Menschen sich ab einem gewissen Alter nicht mehr so schnell begeistern lassen wie Kinder, die zwanzig- bis fünfzigmal am Tag einen Zustand grösster Begeisterung erleben. Jedes Mal findet hierbei eine Aktivierung der emotionalen Zentren statt, und es wird ein Cocktail von neuroplastischen Botenstoffen ausgeschüttet, die ein starkes Glücksgefühl auslösen. Schliesslich entstehen neue Verknüpfungen der Nervenzellen untereinander und damit neue Konstellationen, die zur Festigung, Stabilisierung und Aktivierung jener Bereiche im Hirn führen, die zur Lösung eines Problems oder zur Bewältigung einer neuen Herausforderung zuständig sind. Die geistige Fähigkeit steigt. Wer somit etwas mit Begeisterung macht, wird schnell immer besser, denn mit jedem Begeisterungssturm läuft im Hirn ein gewissermassen selbst erzeugtes Doping ab.

Gerald Hüther ist überzeugt, dass Menschen, denen es gelingt, ihr Gehirn noch einmal auf eine bisher ungewohnte Weise zu nutzen, ein anderes Gehirn bekommen. Allerdings setzt sich Begeisterung auch der Möglichkeit des Scheiterns, der Enttäuschung aus. Je älter der Mensch wird, desto bedachter geht er an die Dinge heran. Die Begeisterungsfähigkeit kommt folglich zu kurz. Daher ist es wichtig, sich als Heranwachsender oder Erwachsener Enthusiasmus und Leidenschaft zu bewahren. Also wenn tatsächliche innere Begeisterung aufkommt, kann der Mensch bis ins hohe Alter neue Netzwerke aufbauen und sein Gehirn weiterentwickeln.

„Wie unvermögend ist doch der gutwilligste Fleiss der Menschen gegen die Allmacht der ungeteilten Begeisterung!“, stellte im ausgehenden 18. Jahrhundert der Dichter Friedrich Hölderlin treffend fest, ohne über die Neuroplastizität des menschlichen Gehirns informiert zu sein.

Ausdauer?

Oft wird die Bedeutung der Ausdauer für den Erfolg unterstrichen. Aber Ausdauer ist vor allem eine Folge andauernder Leidenschaft. Dass Begeisterung als eine intensive Form der Freude mit Aktivität und Energie verbunden ist, hat jeder schon verspürt. Wer sich somit noch einmal mit Enthusiasmus für etwas öffnet, was ihm bisher verschlossen war, wie beispielsweise einem Tandemsprung, praktiziert Selbstdoping für das eigene Gehirn.
Tandemsprung
Diese Potentialentfaltung ist das Gegenteil von blosser Ressourcennutzung. Routine scheint hierbei eine negative Schlüsselfunktion zu haben, denn sie verhindert jeglichen Begeisterungssturm und in der Folge jegliche Kreativität, Entdeckerlust und somit die Weiterentwicklung des Gehirns. Es entstehen keine neuen Gedankengänge, kein Elan, öfter etwas auszuprobieren und anders zu machen. Allein die Tatsache der Neuheit, so Hüther, sei für das menschliche Gehirn eine angenehme Erfahrung.

Der Wissenschaftler versucht, die Ergebnisse seiner Forschungen für die Gesellschaft nutzbar zu machen. Die Frage, wie Leistungswille entsteht, ist hierbei eines der spannendsten Aufgabenfelder der Neuroforschung. Ein Weg wäre, durch Selbstmotivation zu lernen, das, was zu tun ist, mit Begeisterung zu tun. Dennoch, ohne dass die Tätigkeit bedeutsam ist und Sinn macht, fällt dies schwer. Ziel in der Unternehmenskultur sollte es sein, Potentiale der Mitarbeiter zu entfalten, indem sie informiert und eingebunden würden. Dies führte zur Identifikation und machte Lust, das Unternehmen mit voranzubringen.

Selbstmotivation

Selbstmotivation
Unabdingbar ist eine intrinsische Motivation, der innere Antrieb. Sie bildet die Voraussetzung für leidenschaftliches Handeln, ist die treibende Kraft bei allen Erfolgsprojekten und erzeugt die Energie, die Begeisterung anstösst und am Leben hält. Daher hält Hüther auch Schulungen für nicht zielführend, denn wirklich motiviert sei nur jemand, der auf Grund eigener Erfahrungen Freude an der Sache empfinde.

Es kann ja niemand gezwungen werden, Begeisterung für eine Tätigkeit oder Sache zu empfinden. Dennoch, selbst mit einem klaren und selbst gewählten Ziel vor Augen, scheitern manche Menschen letztlich, weil sie vor den Mühen kapitulieren. Wirklich anhaltende Begeisterung stellt sich nur ein, wenn eine Aufgabe sich im Rahmen des Machbaren bewegt und trotzdem eine reizvolle Herausforderung darstellt. Ziele sollten somit weder unterfordern noch zu hoch gesteckt werden, dann sind sie so stark und attraktiv, dass sie das Feuer der Begeisterung entfachen und erhalten.


Quellen:


Video zum Thema




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