• Sonntag, 26.03.2017
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FILME

Aufrüttelnde Sozialarbeiter des Kinos

Untertitel
Von Hanspeter Stalder
Eine mutige Aufrüttelnde Sozialarbeiter des Kinos
© Xenixfilm
Eine junge Frau wird tot aufgefunden. Zuvor hatte sie vergeblich in der Praxis der jungen Ärztin Jenny Davin Zuflucht gesucht. Von Schuldgefühlen geplagt, beginnt Jenny, auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen, um wenigstens den Namen des unbekannten Mädchens herauszufinden. Die Menschen, die sie bei ihrer Suche aufspürt, tragen, wie sie selbst, Anteil an der Schuld des Verbrechens. Jenny will die Schuld aufarbeiten, sie klagt nicht an und verurteilt nicht, will nur die Würde der Toten, einer Prostituierten, wiederherstellen und dafür ihren Namen und ihr Grab finden.

Jenny ist «von dem unbekannten Mädchen besessen», meint Luc Dardenne über deren Handeln. Vielleicht ist es diese Besessenheit, die Menschen brauchen, die wirklich Grosses vollbringen, auch wenn ihr Tun jenseits der Regeln und Gesetze steht. In diesem Sinn scheint der Film «La Fille inconnue» verwandt mit dem Roman «La peste» von Albert Camus. Wie dort Dr. Bernard Rieux die Pestkranken pflegt, so pflegt hier Dr. Jenny Davin die körperlich, seelisch oder sozial Leidenden. Sie hilft mit ihrer zurückhaltenden, konsequenten Art auch den anderen, die am Tod der Unbekannten beteiligt sind, sich mitzuteilen, und sie «findet durch die Begegnung mit ihren Mitmenschen wieder zurück ins Leben und zu sich selbst», umschreibt die Darstellerin ihre Figur.
Für die Arbeit als Hausärztin hat Jenny ihre Karriere aufgegeben.
Für die Arbeit als Hausärztin hat Jenny ihre Karriere aufgegeben. © Xenixfilm

Eine spannende Parabel radikaler Anteilnahme

Die Geschichte, die an einer Schnellstrasse in Lüttich spielt, wo die Menschen vorbeirasen, und an der Maas, wo das Leben vorbeifliesst, besticht in ihrer Konsequenz. Sie sensibilisiert für die «Verdammten dieser Erde», wie der ebenso radikale Frantz Fanon die Verfolgten und Entrechteten beschrieben hat. Über jene Menschen, die unglücklich durch die Maschen der Sozialnetze gefallen sind und leiden, drehen die Brüder Dardenne ihre Filme. Auch wenn den Menschen in ihren Filmen nicht geholfen werden kann, sollten ihre Leiden wenigstens wahrgenommen werden – vielleicht kann über das Mit-Leiden ein Weg zum Mit-Sein führen.
Jenny am Ort, wo die Tote gefunden wurde.
Jenny am Ort, wo die Tote gefunden wurde. © Xenixfilm

Jean-Pierre und Luc Dardenne: die Sozialarbeiter des Kinos

Als «Sozialarbeiterfilme» werden Filme gelegentlich abschätzig klassifiziert, wenn sie zu idealistisch und nur gut gemeint daherkommen. Für das Oeuvre von Jean-Pierre und Luc Dardenne bedeutet der Titel «Sozialarbeiter des Kinos» jedoch eine Ehre. Ihre Werke sind realistisch, engagiert und stets der sozialen Wirklichkeit verpflichtet. Von ihren zehn Filmen, die zwischen 1987 und 2016 entstanden und von denen die meisten an Festivals ausgezeichnet wurden, seien nur drei erwähnt: «Rosetta» (1999), «Le gamin au vélo» (2011) und «Deux jours, une nuit» (2014).

Wie in all ihren Filmen haben die Regisseure auch bei «La Fille inconnue» für die Rolle der Protagonistin eine der besten französischen Darstellerinnen, nämlich Adèle Haenel, verpflichtet, die ihnen im Film «Suzanne» aufgefallen ist, für welchen sie in Cannes als beste weibliche Darstellerin ausgezeichnet wurde.

Der Begriff «unconnu(e)» steckt hinter vielen Kriminalfilmen. Der oder die Unbekannte soll gefunden werden, er oder sie einen Namen bekommen. Im Film der Brüder Dardenne dient diese Suche nach dem Namen nicht bloss dem Thriller-Effekt, sondern zielt auf Existenzielles. Man erinnert sich an «Hiroshima, mon amour» von Alain Resnais. Dort erhält das Unsagbare den Namen ‚Hiroshima’, hier die Unbekannte mit einem Namen ihre Würde.
Jenny auf der Suche nach Zeugen.
Jenny auf der Suche nach Zeugen. © Xenixfilm
Aus einem Interview mit den beiden Regisseuren

Wie entstand die Idee zu Ihrem Film, die Geschichte einer Hausärztin?

Jean-Pierre Dardenne (JPD): Am Anfang stand die Figur einer Ärztin, die wir Jenny tauften. Wir haben uns mehrere Jahre lang über sie unterhalten. Eine Ärztin, die sich am Tod einer jungen Immigrantin mit unbekannten Personalien schuldig fühlt und die sich auf die Suche nach deren Namen begibt, damit sie nicht anonym bestattet wird, nicht einfach verschwindet, als hätte sie nie existiert.

Luc Dardenne (LD): Jenny fühlt sich schuldig, verantwortlich. Sie weigert sich, die Augen zu verschliessen und zu sagen: «Ich habe nichts gesehen, nichts gehört.»

Jenny behandelt ihre Patienten, horcht ihre Körper ab. War es Ihnen wichtig, dieses Abhorchen zu filmen?

LD: Ja. Die Figuren reagieren stark mit körperlichen Beschwerden: Schwächeanfälle, Bauchschmerzen, epileptischen Anfällen. Der Körper reagiert immer zuerst. Er spricht die Dinge aus, für die die Menschen keine Worte finden. Jenny achtet auf die Schmerzen ihrer Patienten. Sie versucht, sie zu lindern, während sie weiterhin nach dem Namen des jungen Mädchens fahndet.

JPD: Wir wollten, dass Jenny auf die Körper und die Worte ihrer Patienten achtet und dadurch zu einer Geburtshelferin der Wahrheit wird, dass ihre Praxis zu einem Beichtstuhl wird.

Ist nicht auch Jenny ein unbekanntes Mädchen? Wir wissen nichts über ihre Vergangenheit oder ihr Privatleben.

JPD: Sie trifft eine Entscheidung fürs Leben, indem sie auf eine grosse Karriere verzichtet und stattdessen diese Vorstadtpraxis übernimmt, weil sie spürt, dass es ihr nur so gelingen wird, den Namen des unbekannten Mädchens herauszufinden.

LD: Jenny ist von dem unbekannten Mädchen besessen, und diese Besessenheit verleiht ihr die Entschlossenheit und die Geduld, den Namen des Mädchens herauszufinden. Es ist keine übernatürliche, sondern eine moralische Besessenheit. Das hat uns interessiert.

Jennys Patienten leiden in unterschiedlichem Masse an den Übeln unserer Zeit: soziale Unsicherheit, Auflösung des sozialen Zusammenhalts.

LD: Diese Figuren leben in der Wirklichkeit des Hier und Jetzt. Sie gehören jener Gesellschaftsschicht an, die brutal an den Rand gedrängt wird. Allerdings wollten wir aus diesen Figuren keine «Sozialfälle» machen. Es sind Individuen.



Trailer zum Film
Regie: Jean-Pierre et Luc Dardenne
Produktionsjahr: 2016
Länge: 107 Minuten
Verleih: Xenixfilm

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