• Donnerstag, 14.12.2017
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FILME

Auf der Suche nach dem toten Sohn

Untertitel
Von Hanspeter Stalder
Auf der Suche nach dem toten Sohn
© Verleih: Filmcoopi
Liliane, eine französische Krankenschwester um die Fünfzig, die mit ihrem Mann ein ereignisloses Leben führt, reist zum ersten Mal in ihrem Leben nach China. Der Grund ist der Tod ihres Sohnes Christoph, der sich im fernen Land ein Leben aufgebaut und es bei einem Unfall verloren hat. Nach einem ersten Kulturschock lernt sie über die ehemalige Freundin des Sohnes und weitere Menschen seiner Umgebung von diesem neue und unbekannte Seiten kennen. Gleichzeitig taucht sie in eine fremde Welt ein und beginnt, sich intensiv mit ihrem eigenen Leben auseinanderzusetzen.

Liliane trauert um Christoph.
Liliane trauert um Christoph. © Verleih: Filmcoopi  

Mit wenig viel gemacht

Der Franzose Zoltán Mayer war Kameramann von TV-Serien und Fotograf für die «New York Times». «Voyage en Chine» ist sein erster Film als Regisseur. Er drehte ihn an den Originalschauplätzen, in Frankreich bei Vesoul, in China um Sichuan. Für die Hauptrolle verpflichtete er die belgische Schauspielerin Yolande Moreau, die bei uns mit «Le fabuleux destin d'Amélie Poulain» und «Le tout nouveau testament» bekannt wurde. Die Rolle von Christophs Freundin Danjie spielte Qu Jing Jing, eine in China bekannte Filmschauspielerin. Beide lösten ihre Aufgabe verschieden: Liliane mit wenigen mimischen Reaktionen, wodurch sie sich dem Publikum zur Projektion eigener Emotionen anbietet; Danjie mit einem reichen und differenzierten Spiel von Mimik und Gestik, wodurch sie beim Publikum ansatzweise Christoph vergegenwärtigt.

Sanfte Melancholie, Besinnlichkeit und Trauer, die Grundstimmungen des Films, werden gelegentlich von behutsam eingestreutem Humor aufgelockert. Dieser blitzt auf, wenn Liliane mit den kulturellen Besonderheiten des Landes oder der Offenheit der Einheimischen konfrontiert wird. Beispielsweise als sie unerwartet von einer Nachbarin auf ihre grosse Nase angesprochen wird - oder wenn es beim Sprechen zum Durcheinander kommt. Dass der Regisseur die Provinz von Sichuan zum Schauplatz ausgewählt hat, ist nicht nur wegen der Schönheit der Landschaften, sondern vor allem in der Tatsache begründet, dass hier der Taoismus noch gelebt und zelebriert wird.

Sprachunterricht im Bus.
Sprachunterricht im Bus. © Verleih: Filmcoopi  

Der Weg ist das Ziel

Oft wird dies schnell dahergesagt, selten jedoch mit Inhalt gefüllt, der Satz «Der Weg ist das Ziel.» Beim Film «Le Voyage en Chine» jedoch trifft er den Kern der Geschichte. Liliane macht sich auf den Weg nach China. Je länger sie reist, desto mehr stellt sie fest, dass sie ihren Sohn viel zu wenig kannte. Sie trifft ihren Sohn erst in der Leichenhalle, wo sie ihn zu identifizieren hat. Doch dann begegnet sie seiner Freundin Danjie, und diese erzählt ihr ausführlich aus ihrem Leben mit Christoph. Diese indirekten Begegnungen mit ihrem Sohn beruhigt sie.

Nachbarn mit Danjie und Liliane.
Nachbarn mit Danjie und Liliane. © Verleih: Filmcoopi  

Angekommen bei sich

Die Suche nach Christoph geht weiter über die chinesische Kultur und Religion, mit ihren Riten, Geschichten und Träumen. Und mit jedem neuen chinesischen Wort, das die Französin mühsam erlernt, erfährt sie Neues von der fremden Welt. Auf dem Weg, den sie, unterstützt von zahlreichen hilfsbereiten Menschen, geht, kommt sie China etwas näher. Dass dieser Weg indes noch weitergehen könnte, deutet das Schlussbild an. Das Grundsätzliche, das Existenzielle des Weges, den sie geht, besteht, so würde Martin Buber es wohl umschreiben, darin, dass der Mensch im Dialog über ein Es, hier die chinesische Kultur, zu einem Du, ihrem Sohn, kommt.

Das Ergebnis dieses Prozesses hin zum Menschen, den Gabriel Marcel als «Homo viator», als Gehenden, bezeichnet, ist schliesslich die Erkenntnis ihrer selbst. Für Liliane ein Neuanfang ihres Lebens.

Liliane mit Danjie bei einem Ausflug.
Liliane mit Danjie bei einem Ausflug. © Verleih: Filmcoopi  

Dokumentar- oder Spielfilm?

Bei «Le Voyage en Chine» drängt sich deutlicher als sonst die Frage auf: Ist das nun ein Dokumentarfilm oder ein Spielfilm? Dieser Film macht deutlich, dass diese Trennung eine künstliche ist, weil Spielfilme, wenn sie gut sind, stets irgendwie auch Dokumente sind, Dokumentarfilme immer auf Inszenierung beruhen. Fiction und Non-Fiction sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Französische Kritiker sprachen in diesem Zusammenhang von «Documentaire romancé».

Besonderes Verdienst gebührt dem Kameramann George Lechaptois. Ihm sind dezente, feine, teils zauberhafte Aufnahmen gelungen. Er arbeitet, ohne viel technischen und ästhetischen Aufwand, mit den klassischen Werkzeugen des Films, wählt seine Ausschnitte und verwendet oft indirektes Licht. «Man muss aus wenig viel machen», sagen die Chinesen. Ebenso verdienstvoll erachte ich den Einsatz der Musik des Schlagzeugers Steve Shehan. Diese ist narrativ, nicht illustrativ, verstärkt nicht das im Bild Gesagte, sondern ergänzt dieses im Ton. Sinnvoll etwa, wie er mit dem Chanson von Jacques Brel die europäische auf die chinesische Kultur trifft. Der Ton übernimmt die Rolle eines veritablen Akteurs: Ein «son liquide» steht für Regen und Flüsse, ein «son cristallin» für Glocken und Glas, ergänzt durch Kindergeschrei und Vogelgezwitscher.


Trailer zum Film «Voyage en Chine»

Regie: Zoltán Mayer
Produktionsjahr: 2014
Länge: 100 Minuten
Verleih: Filmcoopi


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