• Freitag, 24.02.2017
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GESUNDHEIT

Animal hoarding - Krankhafte Tierliebe

Von Helmut Bachmaier  
  Animal hoarding - Tiere horten
   
© Roman Samokhin - Fotolia.com 
Animal hoarding, Tiere sammeln bzw. horten, ist eine krankhafte Sucht aus falsch verstandener Tierliebe, die oft zur Verwahrlosung und zu Tierquälerei führt.


Tiere wurden lange Zeit nur als „Sachen“ angesehen und entsprechend behandelt. Heute betrachten wir sie als Partner des Menschen. Die enge Beziehung zwischen Mensch und Tier ist seit der Frühgeschichte und durch Mythen und Erzählungen belegt. Immer gehören die Tiere zur sozialen Ordnung des Menschen und zu seinem Bild der Schöpfung oder des Kosmos.

Ein eindrückliches Bild der Mensch-Tier-Beziehung begegnet uns im griechischen Mythos um den Sänger Orpheus. Dieser stimmt seinen Gesang an, oder er spielt auf seinem Instrument sanfte Töne, sodass die Tiere aus allen Himmelsrichtungen zu ihm kommen, um der Musik zu lauschen und schafft damit eine Gemeinschaft mit dem Menschen wie sonst nur die „Vogelpredigt“ des Franz von Assisi.

Bekannt ist aus der „Odyssee“ des Homer die Geschichte des Hundes Argos, der im Unterschied zu allen Menschen seinen Herrn Odysseus nach 20 Jahren auch im Gewand des Bettlers wieder erkennt.

Während in Tiergeschichten wie Thomas Manns „Herr und Hund“ oder in Virginia Woolfs „Biographie“ des Hundes Flush Tiere mit subjektivem Liebhaberblick geschildert werden, gibt es Formen der Tierliebe, die zur Tierquälerei führen. Eine dieser Formen ist „Animal Hoarding“.

Sammelwut

Ähnlich wie das Messie-Syndrom (engl. mess, dt. ‚Unordnung‘, genaue Bezeichnung „Compulsive Hoarding“, dt. ‚zwanghaftes Horten‘), das infolge von Selbstregulationsschwäche gravierende Defizite in der Fähigkeit, die eigene Wohnung ordentlich zu halten und Alltagsaufgaben zu organisieren, offenlegt, ist auch die Sammelwut bei Tieren eine psychische Störung.


  Animal hoarding - Tiere horten  
  © Kabel 1   

Ein bemerkenswertes Beispiel für Animal Hoarding ist der französische Schriftsteller Paul Léautaud (1872–1956). Er hatte in seinen Tagebüchern sein krankhaftes Mitleid mit Tieren dokumentiert, das schliesslich dazu führte, dass er mit 38 Katzen, 22 Hunden, einer Ziege und einer Gans in seinem Haus zusammen lebte. Die Tierhortung wurde wissenschaftlich erstmals 1981 auf Grund von 31 Fällen in New York City beschrieben. Es stellt sich die Frage nach den Symptomen und Ursachen dieser falsch verstandenen Tierliebe.

Anzeichen

Wenn eine Person mehrere Tiere hält und für diese artgerecht sorgt und achtsam mit ihnen umgeht, dann ist dies ein Ausdruck fürsorglichen und verantwortlichen Handelns. Tiersammler i. S. von Animal Hoarding sind dagegen solche Tierbesitzer, die nicht in der Lage sind, für die gehorteten Lebewesen überhaupt zu sorgen und Mindestanforderungen an eine Tierhaltung zu erfüllen. Die Tiere leben auf engstem Raum, in schlechten hygienischen Verhältnissen, sie sind häufig mangel- oder unterernährt und werden auch nicht tiermedizinisch behandelt. Unheilbar kranke Tiere werden nicht eingeschläfert, sondern leiden unsägliche Qualen. In vielen Beständen wurden tote Tiere gefunden. Es sind zumeist Haustiere, vor allem Katzen und Hunde, aber auch Reptilien oder Vögel. Mehr als 100 Tiere in einem Bestand sind keine Seltenheit, es wurden auch schon 3.000 Tiere gezählt.

Da es zumeist sehr eng zugeht, kommt es zu Rangkämpfen und Verletzungen. Ausserdem sind die Tiere nicht kastriert und vermehren sich zwangsläufig. Die Räume oder Gehege, in denen sie leben, sind oft verschmutzt, mit Kot und von Urin übersät und von allerlei Ungeziefer befallen. Die Tierhalter sind mithin nicht (mehr) in der Lage, die Missstände zu beseitigen oder die Mängel – z.B. Geruchsbelästigungen – überhaupt zu erkennen. Die Tierhaltung ist ihnen völlig entglitten. Es drohen ihnen sogar Erkrankungen durch Parasiten und übertragbare Krankheiten.


  Animal hoarding - Tiere horten  
  © tamunews.tamu.edu   

Ursachen

Viele Tiere unkontrolliert und zwanghaft halten zu müssen ist Ausdruck einer psychischen Störung. Diese kann dadurch verursacht sein, dass jemand eine erhebliche Verletzung, einen grossen Verlust oder eine herbe Enttäuschung hinter sich hat. In Selbstisolierung gefangen, sollen die Tiere dafür entschädigen, was man von Menschen nicht mehr bekommen kann. Die grosse Anzahl der Tiere soll den erfahrenen Mangel ausgleichen. Ältere, alleinstehende Frauen sind – wie diesbezügliche Untersuchungen zeigen – besonders anfällig. Generell ist der weibliche Anteil der Tierhorter besonders hoch. Bezeichnenderweise leben sie oft isoliert und üben keinen Beruf mehr aus.

Animal Hording ist ein eklatanter Verstoss gegen das Tierschutzgesetz (TSchG, 1.9.2008, Änderungen 2012/13): Art. 6 des eidgenössischen Tierschutzgesetzes verpflichtet Tierhalter ausdrücklich zu einer angemessenen Ernährung, Pflege und Unterbringung der Tiere. Ausserdem ist es eine Verletzung der Grundsätze der Tierethik, die den Tierhalter anhält, den Tieren jedes Leid, jeden Schmerz zu ersparen und sie artgerecht und sorgsam zu behandeln.

Animal hoarding - Tiere horten

Paradox

Ein Animal Hoarder beabsichtigt eigentlich nicht (Ausnahme der Typus des „Ausbeuters“, ein Soziopath, der ohne jede Empathie Tiere für seine Befriedigung instrumentalisiert), die Tiere zu quälen, vielmehr sieht er sich zumeist in der Rolle des engagierten Tierschützers, Hegers und Pflegers, der dennoch genau das Gegenteil bewirkt. Diese paradoxe Situation macht es schwierig, diesen Personen ihre Lage und die der Tiere zu verdeutlichen, zumal sie dazu neigen, Missstände zu bagatellisieren. Da sie sich selbst oft als barmherzige Samariter verstehen, kann davon ausgegangen werden, dass bei ihnen eine Ich-Syntone Störung vorliegt. Deshalb besteht bei ihnen auch eine hohe Rückfallquote.

Hilfen

Werden Anzeichen einer Tiersammelsucht entdeckt, dann sollte man sich an Organisationen des Tierschutzes (www.tierschutz.com), an eines der kantonalen Vetrinärämter (www.bvet.admin.ch), an das nächste Tierheim oder an die Polizei wenden. Damit kann nicht nur den Tieren in ihrem Elend geholfen werden, sondern auch den Tierhaltern, die aus dieser Situation nicht ohne fremde Hilfe herausfinden können.



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