• Dienstag, 26.09.2017
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FINANZPLATZ

Am Scheitelpunkt unseres Wohlstandes

Von Willy Burgermeister  
  Es braut sich einiges zusammen...
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Dämmern wir im Wohlstand nur noch gedankenlos vor uns hin und merken kaum, dass sich die Welt um uns herum anders dreht, als wir das über Jahrzehnte hinweg gewohnt waren? Erkennen wir die Zeichen der Zeit nicht mehr?


Im Soge der tiefen Finanz- und Schuldenkrise entfremdeten sich Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Wir empören und entsetzen uns kurz, werkeln dann aber weiter mit den alten Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen, unseren Ängsten und Zweifeln. Nein, wir halten nicht inne, um nachzudenken. Begreifen wir grundlegende Strukturbrüche erst viel später – im Rückspiegel?

Wohlstand auf Pump? Geht das überhaupt noch? Erstickt unsere Wirtschaft im Schuldensumpf? Nicht ohne Grund ruft der Internationale Währungsfonds (IWF) alle Industriestaaten dazu auf, fiskalische Spielräume wieder mutig und energisch freizuschaufeln. Trotz brachialer Geldpolitik stottert die Konjunktur, und die meisten Industrienationen ringen verzweifelt mit erschreckender Arbeitslosigkeit. Welche Jobs sind heute noch sicher – und welche morgen? Wer sich in der alten Arbeitswelt bequem zurücklehnt, dem wird die kommende zwangsläufig entgleiten. Arbeitslose verlieren zusehends ihre beruflichen Fähigkeiten und den Anschluss ans Arbeitsleben. Wer keine Arbeit hat, dem fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an Perspektiven für die Zukunft – und das alles knebelt die künftige Wirtschaftsleistung.

Die Welt steckt voller ungedeckter Wechsel, und wir fragen uns: Liegt der Scheitelpunkt unseres Wohlstandes bereits hinter uns? Europa zermürbt sich. Der Ton wird schriller, der Konsens bröckelt, und die Bindekräfte verschleissen sich. Die EU sieht sich gröberen Schwierigkeiten gegenüber denn je zuvor. Thomas Mayer, Ex-Chefberater der Deutschen Bank, mahnt, dass die extrem lockere Geldpolitik zu einer schleichenden Entwertung unserer Ersparnisse führe. Mit Zinsen nahe bei NULL – und damit in verschiedenen Ländern unter den Teuerungsraten – werde die Kaufkraft unseres Sparstrumpfes durchlöchert. Natürlich hilft das den Regierungen, ihre Schuldenprobleme etwas in den Griff zu bekommen, die Zeche zahlt jedoch der Sparer. Mit der verordneten Stabilitätsabgabe und den beklemmenden Kapitalverkehrskontrollen in Zypern schlugen wir zudem eine neue Seite des europäischen Dramas auf. Dazu der Volkswirtschaftler Dr. Beat Kappeler: „Eigentum in Europa schlingert in der Politik. Eigentum im überschuldeten Westen wird ausgehebelt.“

Wachstumsstrategie gescheitert

Die Fachleute des Brüsseler Bruegel-Instituts erklären gleichzeitig Europas Wachstumsstrategie für gescheitert. Die Wechselwirkung von harziger Produktivität, zögerlichem Schuldenabbau, wankenden Banken und fehlender Wettbewerbsfähigkeit münde in eine „sich selbst nährende Stagnation“. Noch immer aber versuchen die politischen Köpfe zusammenzukitten, was nicht zusammengehört, weil es nicht zusammenpasst.

Die USA, China, Japan und Deutschland bilden die vier bedeutendsten Volkswirtschaften dieser Welt – zusammen zeichnen sie für etwa 45 % des weltweiten Bruttoinlandprodukts (BIP) verantwortlich. In Japan schrumpft die Bevölkerung bereits. Deutschland erfreut sich erstmals wieder einer leichten Zunahme, die hauptsächlich auf einen deutlichen Anstieg der Zuwanderung zurückzuführen ist. Im Trend sinken aber auch dort die Bevölkerungszahlen. In praktisch allen führenden Industrieländern schwächen sich die Fertilitätsraten bedenklich ab. Ohne Einwanderung wird die Gesamtbevölkerung in diesen Ländern langfristig überaltern.

Kooperation ohne Partner

Die sich abzeichnenden Umwälzungen im weltumspannenden Gleichgewicht der Mächte führen in ein Vakuum. Westliche Normen sind ohne aktive Kooperation der Schwellenländer China, Indien und Brasilien nicht mehr durchzusetzen. Globale Herausforderungen des Klimaschutzes, der Energie- und Wasserversorgung, aber auch der Terrorismusabwehr sind nur mit diesen Staaten zu bewältigen, ohne dass diese aber schon bereit wären, die damit verknüpfte Verantwortung zu übernehmen. Der arabische Frühling spülte mehr Fundamentalismus denn Demokratie an die Oberfläche. Die Hoffnung auf gesellschaftliche und politische Erneuerung zerstiebt. Kann sich der Westen im Orient, mit seinen Ölquellen, „gescheiterte Staaten“ leisten?

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Mangel an Ideen

Vielerorts lähmen ausufernde Sozialnetze, überbordendes Anspruchsdenken und wild wuchernde Regulierungswut den Gang der Wirtschaft. Kümmern wir uns eigentlich noch um die globale Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen? Versuchen wir ernsthaft, verkrustete Arbeitsmärkte aufzubrechen? Fördern wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zukunftsträchtige Innovationen? Leider, so scheint es, fehlt es überall an zündenden Ideen. Doch ohne wegweisende Ideen, die uns auch einen Pfad aus der demographischen Verstrickung ebnen, verkümmert unsere Wirtschaftsleistung und zwingt uns schlussendlich, den Gürtel enger zu schnallen.

Wenn eine abenteuerliche Geldpolitik eine nachhaltige Vermögensbildung verzerrt oder gar unmöglich macht, führende Notenbanken die Zinsen manipulieren, dann drohen uns ungemütliche Konsequenzen. Die Lenkungsfunktion des Zinses zerschellt. Falsche Anreize werden gesetzt. Plötzlich scheinen sich Investitionen (Aktien?) zu lohnen, die sich unter normalen Umständen nie gelohnt hätten.
       
 
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