• Montag, 20.11.2017
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ALTERSTHEMEN

Ältere Straftäter.

Eine gerontologische Annäherung.  
Von Dennis Roth  
Ältere Straftäter.
© Dennis Roth
„Opa-Banden und Klau-Omis“, „Greise im Gefängnis – Rückengymnastik im Knast“ lauten mediale Schlagzeilen. Die Zahl der älteren Straftäterinnen, Straftäter und Strafgefangenen steigt. Senioren zeigen immer häufiger auffällige Brüche in ihrem bisherigen Verhalten. Was charakterisiert die Delinquenz – das abweichende Verhalten von einer gesetzlichen Norm – bei älteren Ersttätern?


Die demographischen Fakten `steigende Lebenserwartung´ und `sinkende Geburtenrate´ in Verbindung mit den Statistiken von Polizei und Justiz, die eine relative und absolute Zunahme delinquenter Senioren zu erkennen geben, bestätigen die (kriminal-)soziologische und gerontologische Tatsache. Zwar sinkt die Altersverbrechenskurve mit zunehmendem Alter, in der Altersgruppe 60 Jahre und älter nehmen die straffälligen Ersttäter aber zu. Tabelle 1 veranschaulicht, dass die Zahl der Beschuldigten ab 60 Jahren in der Schweiz von 2009 bis 2012 um 13,4% gestiegen ist. Im Vergleich zu den Beschuldigten insgesamt nahm die Zahl nur leicht um 0,5% zu. Einen weiteren Anhaltspunkt bietet die Zahl der Gefangenen ab 60 Jahren im Straf- und Massnahmenvollzug, die seit 2009 um 45% gestiegen ist.


  Tabelle 1:
Beschuldigte in der Schweiz insgesamt und ab 60 Jahren gemäss Strafgesetzbuch und Betäubungsmittelgesetz (Bundesamt für Statistik, 2013).
 
 
Jahr insgesamt ab 60 Jahre anteilig von
insgesamt
  absolut % absolut % absolut %
2009 118'791   4'029   3.4%  
2012 121'776 +2.5% 4'568 +13.4% 3.8% +0.5%
 


Altersdelinquenz als junges Forschungsfeld

Die gerontologische und kriminologische Forschung beschäftigt sich nur zögerlich mit delinquentem Verhalten im höheren Lebensalter. Erst seit einem Gerichtsprozess in Deutschland im Jahr 2004, bei dem sich drei Senioren für eine ganze Serie von Banküberfällen vor Gericht verantworten mussten, nehmen Studien im deutschsprachigen Raum zu. Wissenschaftliche und öffentliche Diskussionen wie jüngst die Fachtagung der deutschen Polizeigewerkschaft im Oktober 2013 zum Opfer- und Täterwerden im Alter finden bisher nur sporadisch statt. Delinquentes Verhalten im Alter spiegelt nicht die Vorstellung vom Alter wider, die wir gemeinhin kennen: `Alt´ und `delinquent´ oder `Alter´ und `Kriminalität´ sind konträre Attribute. Mit den Begriffspaaren wird hauptsächlich das Opferwerden in der häuslichen und stationären Pflege in Verbindung gebracht. Die gesellschaftlich als bagatellhaft bewerteten Taten des älteren Menschen sorgen für wenig Aufsehen.

Komplexität `delinquentes Verhalten´

Als biopsychologisch-sozialer Prozess ist das menschliche Verhalten, ob abweichend oder nicht, an endogene und umweltbedingte Faktoren gebunden. Eine delinquente Handlung hat eine oder mehrere Ursachen, eine dynamische Motivation, die zur Handlung mobilisiert, und einen Auslöser. Die bestehenden kriminologischen Erklärungsansätze sind psychologisch, soziologisch, sozialpsychologisch und biologisch orientiert. Aufgrund intra- und interindividueller Unterschiede kann aber keiner der Ansätze allein den Anspruch einer generellen Erklärung gemäss einer faktischen Theorie erfüllen.

Ursachen, Motive und Straftaten bei älteren Ersttätern

Die Ursachen und Motive älterer Ersttäter sind individuell und vielfältig. Exemplarisch werden hier einige kurz vorgestellt: Soziale und entwicklungspsychologische Prozesse verändern das Werte- und Normenkonzept, was delinquentes Verhalten im Alter fördern kann. Im Alter festigen sich Einstellungen und moralische Ideologien, was den Menschen unreflektiert und gleichgültig werden lässt. Die Frustrationsgrenze sinkt, Vergeltung ist häufig für `Ausgleichskriminalität´ verantwortlich.

Sich lösende soziale Beziehungen zur Gesellschaft führen zu Prestigeverlust, abnehmender Lebenszufriedenheit und einer neuen Internalisierung. Eigens konstruierte Gepflogenheiten entstehen. Delinquentes Handeln kann – um auf sich aufmerksam zu machen – drohende soziale Isolation abwenden. Langeweile wird durch das Erfolgserlebnis einer gelungenen Straftat kompensiert.

Altersarmut ist (noch) selten ein Motiv für eine Straftat. Finanzielles Motiv ist meist eine übertriebene Sparsamkeit. Neurobiologische Erkrankungen und Abhängigkeitssyndrome sind selten Beweggrund, werden aber künftig zunehmen. Sexuelle Triebmotive sind ebenfalls gering. Häufige Straftaten des älteren Ersttäters sind Beleidigung, Körperverletzung im nahen Umfeld, Vergehen im Strassenverkehr, einfacher Diebstahl (z.B. Kaufhausdiebstahl) und Betrug.

Eine altersspezifische Straftat gibt es nicht. Allerdings nehmen Quantität und Qualität der Straftaten mit zunehmenden altersbedingten Einschränkungen ab und führen zu analogen Handlungen: Beleidigungen sind die Körperverletzungen des Alters. Ältere Täter handeln hauptsächlich unüberlegt, leichtsinnig oder affektiv. Die Täter sind meist zwischen 60 und 70 Jahre alt.

Altersdelinquenz als sinnstiftende Tätigkeit, Sicherung der Ich-Integrität und Teil der Alter(n)skultur

Nach Ansicht des Autors ist es dringend erforderlich, die interdisziplinäre kriminologische Forschung mit anderen Wissenschaften wie der Gerontologie in einen Dialog zu bringen. Die kriminologischen Erklärungsansätze weisen besonders auf kritische Momente und Situationen hin, die vor allem in der ersten Zeit der nachberuflichen Lebensphase auftreten.
  • Mit dem Ausstieg aus dem Berufsleben lösen sich berufliche Pflichten sowie frühere alltagsstrukturierende Verhaltensriten. Soziale und körperliche Veränderungen zwingen den älteren Menschen von Gewohntem loszulassen. Um Lebenszufriedenheit zu erlangen, muss in einer langen Phase der Altersfreizeit ein neuer Pensionsmodus gefunden werden. Andernfalls drohen Sinn- und Identitätskrisen. Manche Rentner erleben die Entberuflichung als einen Druck, die neuen Freiheiten leben zu müssen, als aufgezwungene Sinnsuche. Um Sinn im Leben zu finden, ist Kreativität gefordert, die neue Möglichkeiten hervorbringen soll. Kreativ ist, wer sich auf neue Erfahrungen einlässt und Neugier zeigt. So kann die eigene Kreativität auch fehlleiten. Fehlt der Blick für legal Sinnvolles, kann dies zu vermeintlich sinnstiftendem Abseitigen führen.
  • Damit unmittelbar in Zusammenhang steht die Ich-Integrität. Der Mensch muss sein zu Lebzeiten endliches und immer unfertiges Dasein anerkennen, um Lebenszufriedenheit zu erreichen. Integrität bedeutet, gelebtes und nicht gelebtes Leben zu akzeptieren. Dass das Leben unvollkommen ist, erfährt der Mensch in Grenzsituationen. Darin erlebt er auch seine Begrenztheit. Mit der Akzeptanz des Unfertigseins bildet sich die Ich-Integrität. In einer Gesetzesübertretung lässt sich die gesuchte und als notwendig erachtete Grenzerfahrung vermuten, oder aber ein Täter ist auf verzweifelter Suche nach Integrität.
  • Auf gesellschaftlicher Ebene ist zu beobachten, dass es sich bei der Altersdelinquenz um ein soziales Phänomen einer neuen Alter(n)skultur handelt. Die steigende Zahl älterer Menschen und die gesellschaftlich-strukturellen Kontexte bringen neue Minoritäten hervor, die auffällige Brüche zu traditionellem Verhalten zeigen. Die Generation der Nachkriegszeit bis zum Pillenknick Anfang der 1960-Jahre – die sog. Babyboomer – rückt ins Rentenalter vor. Eine Generation, die sich von traditionellen Werten in einer Multioptionsgesellschaft ent-standardisiert hat und selbstverantwortlich handeln will. Die Babyboomer haben gelernt, sich von Unfreiheiten zu emanzipieren. Eine Emanzipation, die sich nach Ansicht des Autors auch im Nicht-Einhalten von Gesetzen wiederfindet.
 
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