• Sonntag, 23.04.2017
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ALTERSTHEMEN

Ältere Arbeitskräfte.

Über biographische Aspekte und wahrgenommene Perspektiven
Von François Höpflinger
Ältere Arbeitskräfte - Über biographische Aspekte und wahrgenommene Perspektiven
 
Ältere Erwerbstätige sind nicht allein älter, sondern zumeist schon lange beruflich tätig, mit allen Folgen, die eine langjährige berufliche Arbeit mit sich bringen kann, etwa gesundheitliche Schädigungen durch eine langjährig ungesunde Arbeit, aber auch Realisierung von Karrierechancen und hohes Sparvermögen. Im Durchschnitt sind 55-64-jährige Erwerbspersonen seit 35 Jahren beruflich aktiv. Die durchschnittliche Dauer der Erwerbsjahre ist bei Frauen aufgrund familial bedingter Unterbrüche geringer als bei Männern. Es ist offensichtlich, dass drei bis vier Jahrzehnte beruflicher Aktivität biographische Spuren hinterlassen, seien es positive oder negative Spuren.
Berufsbiographische Aspekte im Altersgruppenvergleich
A) Jemals für mehr als 3 Monate arbeitslos und auf Stellensuche (2014)
  Altersgruppe
  25-34 35-44 45-54 55-64 65-74 75+
Österreich 25% 25% 30% 28% 15% 10%
Schweiz 25% 25% 31% 17% 5% 5%
Deutschland 32% 36% 34% 36% 23% 18%
Frankreich 55% 51% 46% 40% 25% 12%

B) Erlebte Veränderungen im Arbeitsleben in den letzten 5 Jahren
  Altersgruppe
  18-29 30-49 50-64  
(gesamt) N: 205 380 289  
Mehr als 3 Monate arbeitslos gewesen: Ja 29% 22% 10% *
Arbeitgeber gewechselt: Ja 55% 46% 25% *
Beruf gewechselt: Ja 32% 26% 12% *
Eigene Firma gegründet/selbständig gemacht: Ja 5% 10% 6%  
* Unterschiede zwischen den Altersgruppen signifikant auf 1% (Chi-Quadrat-Test).
Quelle: A: European Social Survey 2014, B: Mosaich (ISSP) 2015.



Arbeitslosigkeit, Stellensuche

Ein berufliches Erlebnis, das im Allgemeinen langfristig prägend ist, ist die Erfahrung von Arbeitslosigkeit oder längerer Stellensuche. Dies ist in Ländern – wie Frankreich – eine häufige Lebenserfahrung, wogegen in der Schweiz weniger Personen Arbeitslosigkeit erlebt haben. Im Alters- bzw. Generationenvergleich wird für die Schweiz und für Österreich deutlich, dass die heutigen 55-64-jährigen Personen weniger häufig von Arbeitslosigkeitserfahrungen betroffen waren als jüngere Personen. Auch die heute Rentnergeneration erlebte in ihren berufsaktiven Jahren kaum Arbeitslosigkeit.

Dies ist die Folge einer jahrzehntelangen Vollbeschäftigung der Schweiz, von der vor allem die heute älteren Generationen zu profitieren vermochten. Jüngere Generationen sind verstärkt in einer unsicher gewordenen Arbeitswelt aufgewachsen. Hingegen sind ältere Erwerbspersonen, die heute arbeitslos werden, häufig erstmals im Leben damit konfrontiert, was den ‚Schock‘ über und die Hilflosigkeit im Umgang mit dieser Lebenskrise verstärken kann.

Erstmalig erlebte Arbeitslosigkeit nach langer Berufsarbeit in der gleichen Arbeitsposition oder Firma kann schwierig zu bewältigen sein, weil keine Erfahrungen darüber vorliegen, wie man sich z.B. wieder für eine neue Stelle zu bewerben hat.

Eine lange Erwerbszeit – namentlich unter anspruchsvollen und stressreichen Arbeitsbedingungen – kann bei älteren Arbeitskräften den Wunsch nach einer gewissen Entlastung auslösen, sei es ermüdungsbedingt oder sei es, um ausserberufliche Aktivitäten im Hinblick auf die bevorstehende Pensionierung zu pflegen. Der Wunsch bzw. die Bereitschaft, die Arbeit zu reduzieren, auch wenn damit das Lohneinkommen sinkt, wird im höheren Erwerbsalter leicht häufiger angeführt als in jüngeren Erwerbsjahren. Jüngere Personen möchten eher ihr Einkommen durch längere Arbeitszeiten verbessern. In allen Altersgruppen wird allerdings mehrheitlich die Beibehaltung des Status-Quo bevorzugt.
Bevorzugte Arbeitssituation aktuell erwerbstätiger Personen (2015)
  Altersgruppe
  18-29 30-49 50-64  
N: 163 342 258  
Mehr Stunden arbeiten und mehr Geld verdienen 30% 14% 13% *
Gleichviel Stunden und gleichviel Geld 63% 75% 72%  
Weniger Stunden und weniger Geld verdienen 7% 11% 15%  
* Unterschiede zwischen den Altersgruppen signifikant auf 1% (Chi-Quadrat-Test).
Quelle: Mosaich (ISSP) 2015.



Identifikation mit der Firma

Eine positive Wirkung langjähriger Erwerbsarbeit in einer Unternehmung ist eine hohe Betriebstreue und starke Identifikation mit der Firma. Eine Mehrheit der befragten 50-64-jährigen Erwerbstätigen würde sogar eine besser bezahlte Stelle ablehnen, um in der jetzigen Firma zu verbleiben. Betriebstreue und Loyalität sind Werte, die in einer mobilen und dynamischen Arbeitswelt allerdings an Gewicht verloren haben. Teilweise wird eine zu lange Betriebsdauer negativ bewertet (als Unbeweglichkeit). Betriebstreue und Loyalität dürften aber in Zeiten eines Fachkräftemangels unternehmenspolitisch erneut bedeutsam werden, auch weil in einer demographisch alternden Gesellschaft langjährige Kundenbeziehungen ein verstärktes Gewicht erhalten.
Identifikation mit jetziger Arbeitsfirma/Firmentreue (2015)
Würde besser bezahlte Stelle ablehnen, um zu bleiben
  Altersgruppe
  18-29 30-49 50-64  
N: 158 338 254  
Stimme zu 38% 42% 57% *
* Unterschiede zwischen den Altersgruppen signifikant auf 1% (Chi-Quadrat-Test).
Quelle: Mosaich (ISSP) 2015.



Eine stärkere Arbeits- und Betriebsidentifikation älterer Arbeitskräfte kann allerdings auch darauf zurückgeführt werden, dass es ab 50 schwierig sein dürfte, eine neue Stelle zu finden. Tatsächlich variiert die Wahrnehmung der Arbeitsmarktchancen signifikant zwischen jüngeren und älteren Arbeitskräften. Jüngere Personen sind optimistischer und ältere Personen pessimistischer eingestellt (was auch den tatsächlichen Chancen entspricht).

Ältere Arbeitskräfte haben zwar nicht generell ein höheres Risiko, arbeitslos zu werden, aber bei Arbeitslosigkeit ein deutlich höheres Risiko, langzeitlich arbeitslos zu verbleiben. Neben dem chronologischen Alter sind auch Bildungsstatus für die Arbeitsmarktchancen zentral, und Befragte mit tiefem Bildungsstand nehmen deutlich geringere Chancen wahr, erneut eine gute Stelle zu finden.
Wahrgenommene Schwierigkeiten, eine mindestens so gute Stelle
zu finden (2015)
  Altersgruppe
  18-29 30-49 50-64  
N: 159 341 255  
Sehr leicht/recht leicht 32% 31% 15%  
Sehr schwierig/recht schwierig 36% 45% 52% *

  Bildung
  tief mittel hoch  
N: 159 341 255  
Sehr leicht/recht leicht 12% 25% 35%  
Sehr schwierig/recht schwierig 65% 52% 41% *
Übrige Befragte: weder leicht noch schwierig        
* Unterschiede zwischen den Altersgruppen signifikant auf 1% (Chi-Quadrat-Test).
Quelle: Mosaich (ISSP) 2015.



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